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Tee in der jüdischen Kultur: Getränk, Ritual, Erinnerung

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    Tee hat in der jüdischen Küche und im Alltag einen besonderen Platz eingenommen. Er ist viel mehr als nur ein heißes Getränk: Er ist Teil des Alltags, ein Zeichen der Gastfreundschaft, ein Element der Einhaltung der Sabbatgesetze und manchmal auch eine wichtige wirtschaftliche Nische. Die gesamte kulturelle Landschaft des jüdischen Lebens lässt sich durch den Tee erkennen – von den Orten Osteuropas bis zu den amerikanischen Städten und israelischen Häusern. Für Juden in Russland, Polen und Litauen war Tee ein fester Bestandteil des häuslichen Lebens. Er wurde aus Gläsern getrunken, oft mit einem Stück Zucker zwischen den Zähnen. Der Samowar stand in der Mitte des Tisches, um den herum sich das Leben versammelte. Man diskutierte Neuigkeiten, empfing Gäste und führte lange Gespräche. Tee war ein Getränk der Geselligkeit, der Wärme und der familiären Nähe. Er erforderte keinen besonderen Anlass und war nicht nur an Feiertage gebunden – im Gegenteil: Gerade durch seine Alltäglichkeit schuf er ein Gefühl der Beständigkeit und des Zuhauses.

    Tee war im 18. und 19. Jahrhundert ein wichtiges Handelsgut. In vielen Städten, darunter Odessa, Vilnius und Kiew, betrieben jüdische Kaufleute den Teehandel. Sie importierten Tee, unterhielten Lagerhäuser und Läden und handelten mit Samowaren und Teegeschirr. So wurde Tee Teil der urbanen jüdischen Moderne und ein Zeichen der Einbindung in den globalen Handel und das städtische Leben. Er verband das traditionelle Zuhause mit der Außenwelt, mit Häfen, Eisenbahnen und großen Märkten. In der aschkenasischen Welt war Tee nicht nur ein Getränk, sondern ein fester Bestandteil der Kultur, der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Dabei war alles wichtig: das Geschirr, die Art der Zubereitung, die für den Tee vorgesehene Zeit sowie die Art und Weise, wie man gemeinsam am Tisch saß.

    Das war in unserer Familie besonders deutlich zu sehen. Oma trank ihren Tee immer aus einem dünnen Glas mit silbernem Teeglashalter, während Opa eine Schale bevorzugte. Zum Tee gab es immer Würfelzucker, den Opa mit einer kleinen Zange zerbrach. Auf dem Tisch standen Marmelade in einer Kristallschale und daneben spezielle Portionsrosetten. Jeder nahm sich Marmelade aus der gemeinsamen Schale und trank seinen Tee in kleinen Schlucken – ruhig, ohne Eile, begleitet von Gesprächen oder in stiller Gemeinsamkeit. Der Tee wurde in einer separaten Blechdose aufbewahrt, die ausschließlich diesem Zweck diente. Mit einem speziellen kleinen Silberlöffel, der wie eine winzige Schaufel aussah, wurde der Tee aus dieser Dose entnommen und in einer separaten Teekanne aufgebrüht.

    Ich bin in Zentralasien geboren und aufgewachsen. Dort ist man es gewohnt, Tee aus Schalen zu trinken. Meine in Weißrussland geborene Großmutter blieb jedoch ihrer Tradition treu und trank Tee weiterhin aus einem Glas mit Teeglashalter. Es war, als würde sie durch diese Geste die Verbindung zur Vergangenheit aufrechterhalten. Diese Gewohnheit haben auch meine Verwandten beibehalten, die heute in Amerika und Israel leben.

    Wie bereits erwähnt, wurde in unserer Familie viel Tee getrunken. Er begleitete alle Familientreffen, Gespräche, Streitigkeiten und Versöhnungen – sowohl unter der Woche als auch an Feiertagen. Tee war auch ein beliebtes Geschenk, denn es galt als Zeichen der Aufmerksamkeit und des guten Tons, Verwandten hochwertigen Tee zu schenken. Ein solches Geschenk bedurfte keiner Erklärung, es fand sofort seinen Platz im Haus und wurde Teil des gemeinsamen Tisches.

    Mit der Auswanderung nach Amerika wurde Tee für osteuropäische Juden zu einer Brücke zwischen alter und neuer Welt. In der Lower East Side, einem traditionellen Einwandererviertel von New York, entstand die Handelsmarke Swee-Touch-Nee: ein starker schwarzer Tee in einer leuchtend roten Schachtel. Er wurde schnell als „jüdischer Tee Amerikas” bekannt. Er wurde sowohl in großen Geschäften als auch in kleinen koscheren Läden verkauft, in Restaurants serviert und als Geschenk mitgebracht. Für die Kinder und Enkelkinder der Einwanderer wurde er zum Geschmack des Hauses der Großmutter – ein Getränk, das Erinnerungen an Osteuropa, den Samowar und lange Gespräche am Tisch weckte.

    Eine weitere wichtige Teemarke war „W. Wissotzky & Co.“. Das Unternehmen ist heute unter dem Namen Wissotzky Tea bekannt. Es wurde 1849 von der jüdischen Familie Wissotzky in Moskau gegründet. Vor der Revolution war dies das größte Teeunternehmen des Russischen Reiches. Nach der Emigration belebte ein Teil der Familie die Marke in den USA und Palästina wieder. Heute ist Wissotzky einer der beliebtesten Tees in Israel und ein alltägliches Getränk, das in fast jedem Haushalt und Café zu finden ist. Die Geschichte des Unternehmens zeigt, dass kulturelle Traditionen und Familienunternehmen Revolutionen, Kriege und Kontinentalwechsel überdauern können. Der Internationale Tag des Tees wird nur in wenigen Ländern gefeiert – Israel ist eines davon – und an diesem Tag erinnert man sich an die Handelsdynastie der Wissotzkys.

    Bemerkenswert ist, dass vor der Hauptwelle der jüdischen Migration aus Osteuropa nach Amerika und Palästina zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Russland ein kurzer Reim, der fast wie ein Volkslied wirkt, mündlich und ohne Erklärung weitergegeben wurde: „Der Tee – von Wissotzky, der Zucker – von Brodsky, das Russland – von Trotzki.“ Es handelte sich um eine Art städtische Folklore, die ironisch, halb scherzhaft und teilweise satirisch war. In diesen Zeilen wurden drei zu dieser Zeit bekannte Namen miteinander verbunden: das Teeimperium der Wysoczkis, die Zuckerfabriken der Brodskis und die politische Figur Leo Trotzki. Alle drei Namen waren jüdischer Herkunft und bei den Zeitgenossen gut bekannt. Hinter ihnen standen der Teehandel, die Zuckerindustrie und die große Politik. Solche Reime galten nicht als Literatur. Sie waren Teil der lebendigen städtischen Folklore und eine einfache Möglichkeit, durch Humor und alltägliche Dinge etwas über die Zeit, in der die Menschen lebten, zu sagen. Tee und Zucker waren darin nicht nur Produkte, sondern Symbole des Alltags, durch die die Menschen glaubten, das Geschehen um sich herum zu verstehen.

    Für Juden in Marokko, der Türkei, dem Iran und dem Jemen ist Tee vor allem ein Gastfreundschaftsritual. Er wird mit Minze, Gewürzen und viel Zucker zubereitet. Jeder Gast erhält eine Tasse Tee; eine Ablehnung gilt als Verstoß gegen die Höflichkeitsregeln. In Israel haben sich diese Traditionen mit den aschkenasischen Traditionen verflochten. Neben klassischem schwarzem Tee sind auch Kräutertees, beispielsweise aus Minze, Eisenkraut, Salbei oder Hibiskus, sowie süßer Tee mit Zimt beliebt. So wurde Tee zu einer gemeinsamen kulturellen Plattform für verschiedene jüdische Diasporas.

    Aus Sicht der Kaschrut ist Tee grundsätzlich ein zulässiges Produkt, wobei einige Nuancen zu beachten sind. Schwarzer, grüner und weißer Tee ohne Zusätze sind per Definition koscher. Das Gleiche gilt für reine Kräutertees. Aromatisierte Tees erfordern hingegen einen Schacher, also die Aufsicht eines Rabbiners. Denn die Aromastoffe Bergamotte, Vanille oder Sahne können entweder nicht koscher sein oder bei ihrer Herstellung gegen die Kaschrut-Vorschriften verstoßen. Selbst Teebeutel werden manchmal mit Klebstoffen verklebt, die einer Überprüfung bedürfen.

    Ein besonderes Thema ist der Tee am Schabbat. An diesem Tag wurde ihm stets besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Da nach den Schabbatregeln kein Feuer entzündet und keine Speisen zubereitet werden dürfen, darf er nicht mit kochendem Wasser aufgegossen werden. Man ging dabei auf andere, aber gewohnte und bekannte Weise vor. Dazu wurde am Vorabend des Schabbats Wasser zum Kochen gebracht und in Thermoskannen umgefüllt. Diese wurden zusammen mit anderen zubereiteten Speisen warm gehalten. Am Schabbat selbst wurde das heiße Wasser zunächst in ein Gefäß und dann in ein anderes umgefüllt. Erst danach wurde der Tee aufgebrüht. So galt das Wasser nicht mehr als „gerade gekocht” und der Tee konnte in Ruhe zubereitet werden, ohne die Schabbatruhe zu stören. Diese Methode war Teil der üblichen Schabbatgewohnheiten. Sie wurde befolgt, ohne über Regeln und Begriffe nachzudenken – es war einfach so üblich. Alles geschah ganz natürlich, genauso wie das Anzünden von Kerzen oder das Schneiden (Brechen) von Challah. Der so zubereitete Tee wurde langsam und ohne Eile am Tisch getrunken, an dem sich die ganze Familie versammelte. Gerade in diesen einfachen, sich wiederholenden Handlungen wurde der Schabbat nicht als eine Reihe von Verboten empfunden, sondern als eine besondere, ruhige, vertraute und warme Zeit.

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    Welche Bedeutung hat Tee also in der jüdischen Kultur? Er ist nicht nur ein Getränk, sondern steht für ein ganzes System von Bedeutungen. Wenn man Tee anbietet, öffnet man sein Haus, lädt zum Gespräch ein und macht den Gast zu einem Teil der Familie. Im Tee leben die Erinnerungen und der Geschmack der Kindheit weiter, ebenso wie der Duft der Samstagmorgen und die langen Familiengespräche am Tisch. Durch den Tee manifestiert sich auch die jüdische Identität – vom Samowar in einem osteuropäischen Haus bis hin zu bekannten Marken und Gewohnheiten, die in der Emigration erhalten geblieben sind und in anderen Ländern ein neues Leben begonnen haben. Tee wurde auch zur Fortsetzung jüdischer Rituale: die sorgfältige Beachtung der Kaschrut, die Einhaltung der Sabbatgesetze und eine durchdachte Abfolge von Handlungen, die aus einem einfachen Getränk einen bewussten Teil des Lebens machen. Schließlich wurde er zu einer Brücke zwischen den Diasporas: Das aschkenasische Glas mit Teeglasshalter und der marokkanische Minztee sind zwei Fäden desselben Gewebes – unterschiedlich in ihrer Form, aber einheitlich in ihrer Bedeutung. So wurde Tee zu einer universellen, einfachen, warmen und verbindenden Sprache der vielfältigen jüdischen Kultur.

    Autor: Elena Ljubarova (Bilder aus offenen Quellen)

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