
Hannah Arendt war eine deutsch-amerikanische Philosophin, Politikhistorikerin und Publizistin. Als Überlebende des Holocaust beschäftigte sie sich bis zu ihrem Lebensende mit den Ursprüngen, Gründen und Folgen des Antisemitismus. Am Beispiel von Adolf Eichmann, einem Anhänger des „besessenen Führers“, erklärte die Denkerin, dass das Böse in seinem Wesen banal und sogar bürokratisch sei. Ihr wichtigster Beitrag zur Soziologie ist jedoch ihre Totalitarismus-Theorie. Arendt zählt zu den herausragendsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. In ihren Werken zeigt sie die Bedeutung des Bekenntnisses zu Demokratie und Menschenrechten auf. Das Leben und Werk dieser bemerkenswerten Frau sind weltweit bekannt. Ihr Name ist in vielen Ländern verewigt, unter anderem trägt eine Straße in Oldenburg in Niedersachsen ihre Namen. Dieser Aufsatz ist einer großartigen jüdischen Frau gewidmet, deren 120. Geburtstag und 50. Todestag im Jahr 2026 bzw. 2025 begangen wurden.
Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Linden, einem Vorort von Hannover, der heute ein Teil der Stadt ist, in eine gebildete und emanzipierte jüdische Familie hineingeboren. Ihr Vater, der Ingenieur und Amateurwissenschaftler Paul Arendt, besaß eine umfangreiche Bibliothek mit klassischen Werken in Altgriechisch und Latein. Ihre Mutter, Martha Cohn, hatte in Paris Französisch und Musik studiert. Nachdem ihr Vater schwer erkrankt war, kehrte die Familie nach Königsberg (heute Kaliningrad) zurück, der Heimatstadt der Eltern im damaligen Ostpreußen. Ihr Vater starb 1913 und ihre Mutter, eine sozialdemokratisch engagierte Politikerin, übernahm die Erziehung des Mädchens. In ihren autobiografischen Essays erinnert sich Hannah Arendt daran, dass sie sich zu dieser Zeit oft verlassen fühlte – auch von ihrer Mutter. Um ihre Trauer zu betäuben, unternahm diese weite Reisen und ließ Hannah bei ihren wohlhabenden und gebildeten Großeltern zurück. Diese erzogen ihre Enkelin nach den Grundsätzen des reformierten Judentums. Formal gehörte das Mädchen keiner jüdischen Gemeinde an, aber sie wusste sehr wohl, was es bedeutete, in Deutschland Jüdin zu sein. In ihrem Elternhaus wurde, wie sie sich erinnerte, das Wort „Jude” nicht verwendet. Ihre Mutter verlangte jedoch von ihr, „demütige Unterwürfigkeit” zu vermeiden. Im Falle einer antisemitischen Äußerung eines Lehrers sollte Hannah den Klassenraum verlassen, um ihrer Mutter die Möglichkeit zu geben, einen offiziellen Brief zu schreiben. Sie musste allerdings selbst auf die antisemitischen Bemerkungen ihrer Mitschüler reagieren.




Hannah Arendt lernte in ihrer Jugend Altgriechisch und Latein, sodass sie die Werke antiker Denker später ohne Schwierigkeiten im Original lesen konnte. Bereits mit 14 Jahren war sie eine für ihr Alter ungewöhnlich intellektuelle Person. Sie las nicht nur unterhaltsame Romane, sondern auch sehr schwer verständliche Werke wie Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und Karl Jaspers‘ „Psychologie der Weltanschauungen“. „Mit 14 Jahren hatte ich mich endgültig entschieden, mein Leben der Philosophie zu widmen“, erzählte sie in einem Interview, das Mitte der 1960er Jahre für das Fernsehen aufgezeichnet wurde. Tiefer in die Philosophie „eintauchte” Hannah Arendt im Jahr 1924, als sie an der Universität Marburg studierte. 1928 setzte sie ihr Studium an der Universität Freiburg fort. Die Universität Heidelberg war die letzte „Alma Mater” Arendts. Dort studierte sie bei Karl Jaspers, dessen Bücher sie seit ihrer Kindheit mit Begeisterung gelesen hatte. Hier promovierte sie 1930 in Philosophie.



Hannah Arendt studierte in Marburg bei Martin Heidegger, der zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts zählt. Sie besuchte seine Vorlesungen über die Lehren antiker griechischer Philosophen und nahm an seinen Seminaren teil. Heidegger sah in seiner jungen Schülerin nicht nur eine gute Studentin, sondern auch eine echte Schönheit. Er war damals 35 Jahre alt, sie gerade einmal 17, als zwischen ihnen eine Liebesbeziehung entstand. So begann im Jahr 1924 ihre „Marburger Romanze”. Hannah mietete ein Zimmer in einem Haus in der Nähe der Universität, in dem sie sich heimlich mit ihrem Lehrer traf. Im selben Jahr begann auch der Briefwechsel zwischen der Studentin und dem Professor, in dem sie nicht nur über Liebe, sondern auch über Philosophie, Politik und vieles andere sprachen. Dieser Briefwechsel wurde veröffentlicht und ist auch aus wissenschaftlicher Sicht von großem Interesse. Dennoch erlosch die Romanze bereits Ende 1924 und Hannah sah sich gezwungen, sich von ihrem Geliebten zu trennen. Martin war verheiratet und hatte zwei Kinder. Außerdem wollte er seine Karriere nicht ruinieren. Dennoch blieben sie befreundet.

Hannahs erster offizieller Ehemann war der österreichische Schriftsteller und Philosoph Günther Stern, der später unter dem Pseudonym Anders bekannt wurde. Sie heirateten 1929, doch ihre Beziehung zerbrach aufgrund ideologischer Differenzen. 1936 lernte Arendt den deutschen Dichter und Philosophen Heinrich Friedrich Ernst Blücher kennen und begann eine leidenschaftliche Beziehung mit ihm. Die neue Romanze und ihre unterschiedlichen Interessen führten dazu, dass die Ehe mit Günther im Jahr 1937 endete. Im Januar 1940 heirateten Arendt und Blücher. Für Blücher war es die dritte Ehe, doch mit Arendt blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 1970 zusammen. Arendt hatte keine Kinder.
Bereits in den 1930er Jahren begann Hannah Arendt, sich für Politik zu interessieren. Ihr „Eintauchen” in dieses Thema begann mit den Werken von Karl Marx und Leo Trotzki. Bereits 1932 schrieb sie einen Artikel über die Rolle der Frau in der Politik.
Am Abend des 27. Februars 1933, also einen Monat nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wurde der Reichstag in Berlin in Brand gesetzt. Die NSDAP nutzte die Tat sofort als Vorwand. Mit der Verabschiedung des sogenannten „Reichstagsbrandbeschlusses” wurden die Grundrechte ausgesetzt und der Weg zur Diktatur geebnet. „Was dann begann, war schrecklich. Für mich war es ein völliger Schock, und von diesem Moment an fühlte ich mich verantwortlich”, erinnerte sich Hannah Arendt. Ihre Wohnung diente als Zufluchtsort für Juden, die sich vor den „Säuberungen” versteckten. Dafür wurde sie im Juli 1933 in Berlin von der Gestapo verhaftet. Glücklicherweise gelang es ihr, einer Inhaftierung zu entgehen, da ihr Fall von einem ihr wohlgesonnenen Ermittler bearbeitet wurde und sie nach einer Woche freigelassen wurde. Unmittelbar danach floh sie zusammen mit ihrer Mutter über die „grüne Grenze“ in die Tschechoslowakei und von dort aus weiter nach Frankreich. Dort hielt sie Vorträge über Antisemitismus, arbeitete in einer Organisation, die jüdischen Jugendlichen bei der Flucht nach Palästina half, und schrieb thematische Bücher. Im Mai 1940 wurde sie im von den Nazis besetzten Frankreich in das von ihnen eingerichtete Konzentrationslager Camp de Gurs deportiert. Glücklicherweise gelang es Hanne auf wundersame Weise, von dort zu fliehen. Einen Monat später nutzte sie die Verwirrung unter den Aufsehern, um zunächst nach Portugal und schließlich in die Vereinigten Staaten zu fliehen. „Wir sind gerettet“, telegrafierte sie ihrem ehemaligen Ehemann Günther Anders, der zu diesem Zeitpunkt bereits in New York lebte. Zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher und ihrer Mutter ließ sie sich in einer kleinen Wohnung in Manhattan nieder und begann ihre Karriere als Kommentatorin und Redakteurin. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konzentrierte sie sich auf die Erforschung des Nationalsozialismus und betrachtete dabei nicht nur die Erfahrungen Deutschlands, sondern auch die Politik Stalins. Das Ergebnis war ein umfangreiches Werk in drei Bänden: „Antisemitismus“, „Über den Imperialismus“ und „Die Ursprünge des Totalitarismus“. Das letzte dieser Werke, das 1951 veröffentlicht wurde, brachte Arendt weltweite Bekanntheit ein und machte sie zur Begründerin der Totalitarismus-Theorie.
Hannah interessierte sich schon immer für nationale Fragen, insbesondere für Antisemitismus. Kurz vor Hitlers Machtergreifung versuchte Karl Jaspers in Briefen, seine ehemalige Studentin davon zu überzeugen, eine „richtige” Deutsche zu werden. Hannah antwortete knapp: „Für mich sind Deutschland, meine Muttersprache, Philosophie und Poesie untrennbar verbunden.“ Bis zu ihrem Tod betrachtete sich Arendt als Jüdin. Sie entging dem „Fleischwolf“ des Holocaust wie durch ein Wunder und versuchte, andere davor zu bewahren. Während eines Verhörs sagte sie: „Wenn man uns als Juden angreift, werden wir uns wie Juden verteidigen.“



Im Jahr 1961 wurde Hannah Arendt vom Wochenmagazin The New Yorker nach Jerusalem entsandt, um über den Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann zu berichten. In Beit Haame, einem Theater, das zu einem Gerichtssaal umgebaut worden war, beobachtete sie, wie ein hagerer Mann in einem dunklen Anzug schweigend eine Glaskabine betrat, um sich die Anklage anzuhören. Eichmann, ein ehemaliger SS-Obersturmführer, war eine der zentralen Figuren des Holocausts und mitverantwortlich für die Ermordung von sechs Millionen Menschen in Europa. Sein Prozess wurde zu einem Ereignis von großer Resonanz. In einem Brief an ihren ehemaligen Lehrer und wissenschaftlichen Betreuer Karl Jaspers schrieb Arendt: „Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich nicht hingefahren wäre.”
Nach dem Eichmann-Prozess hat Arendt das Böse in ihrem Werk „Die Banalität des Bösen: Eichmann in Jerusalem“ (1963) beschrieben. Darin schreibt sie, dass die Ideologen von Massenmorden nicht immer „Superschurken“ wie Adolf Hitler sind. Es können auch ganz gewöhnliche Menschen wie Eichmann sein. Dieser sei lediglich ein Ausführender, ein Glied in der bürokratischen Maschinerie gewesen. Die Philosophin betonte, dass Eichmanns Handlungen, die zum Tod von Millionen Menschen führten, nichts weiter als der stumpfsinnige Wunsch waren, seine Arbeit gut zu machen.
Nach einem Herzinfarkt im Jahr 1974 kehrte Hannah Arendt zum Schreiben und Lehren zurück. Am 4. Dezember 1975 erlitt die Philosophin einen weiteren Herzinfarkt – direkt an ihrem Arbeitsplatz. Dieser führte zu ihrem Tod. Ihr Leichnam wurde eingeäschert und ihre Asche auf dem Friedhof des Bard College in New York neben dem Grab ihres 1970 verstorbenen Ehemanns Heinrich Blücher beigesetzt. Auf dem Grab steht ein schlichtes Grabmal mit ihrem vollständigen Namen zum Zeitpunkt ihres Todes – Hannah Arendt-Blücher –, ihrem Geburtsort und den Daten ihres Lebens und Todes.

Arendt hinterließ mehr als 450 Werke zu unterschiedlichsten Themenbereichen, die jedoch durch die Idee der Auseinandersetzung mit der Gegenwart verbunden sind. Zu ihnen gehören: „Das Leben des Geistes“, „Verantwortung und Urteil“, „Über die Revolution“, „Über Gewalt“, „Die Ursprünge des Totalitarismus“ und „Die Banalität des Bösen: Eichmann in Jerusalem“.
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1937 entzogen die Nationalsozialisten Hannah Arendt die deutsche Staatsbürgerschaft. Viele Jahre lang lebte sie ohne Papiere und somit ohne Rechte, bis sie 1951 die US-Staatsbürgerschaft erhielt. Dennoch ist das Wirken dieser außergewöhnlichen Frau heute in vielen Ländern der Welt bekannt. Auch in ihrer Heimat Deutschland ist ihr Name verewigt. Hunderte Bände in verschiedenen Sprachen sind ihr und ihren Werken gewidmet, zudem wurden bis zu einem Dutzend Dokumentarfilme über sie gedreht. Der jüngste Fernsehdokumentarfilm über sie wurde am 10. Dezember 2025, dem 50. Todestag der Philosophin, auf den Sendern ZDF und ARTE ausgestrahlt. Der Film des Regisseurs Christian Böttges trägt den Titel „Hannah Arendt: Eine Jüdin im Pariser Exil”.
Hannahs Biografie diente als Grundlage für verschiedene künstlerische Werke. So schrieb Marion Müller-Kolar auf Basis der Grundideen der Philosophin das Kinderbuch „Das kleine Theater“ (2016), in dem es um menschliche Werte geht. 2012 wurde mit Hannah Arendt (Regie: Margarethe von Trotta) ein deutsch-französisch-israelischer Spielfilm über Arendt gedreht, in dem die Schauspielerin und Sängerin Barbara Sukowa die Hauptrolle spielte.



Die Deutsche Post hat zweimal Briefmarken mit Porträts von Hannah Arendt herausgegeben. Das erste Mal geschah dies 1988 in der „Standardausgabe Frauen der deutschen Geschichte“, das zweite Mal zum 100. Geburtstag der Philosophin im Jahr 2006.
In Potsdam, Berlin, Krefeld, Erfurt und vielen anderen deutschen Städten sind Schulen, Bildungseinrichtungen und andere Objekte nach ihr benannt. Im Jahr 2015 wurde zudem der Platz vor dem Landtagssitz des Landes Niedersachsen in Hannover nach ihr benannt. Darüber hinaus trägt der Weg entlang der Leine in Hannover seit 1986 den Namen „Hannah-Arendt-Weg”. In den Städten Gießen und Heidelberg sind ebenfalls zahlreiche Straßen nach ihr benannt. In vielen Städten – darunter Hannover, Berlin, Marburg und Babelsberg – wurden zudem Gedenktafeln an Gebäuden angebracht, die mit dem Leben und Wirken von Hannah Arendt in Verbindung stehen.
In Oldenburgs Stadtteil Drielaker-Moor gibt es eine ruhige und grüne Straße, die nach der berühmten Jüdin, Denkerin und Publizistin Hannah Arendt benannt wurde. Die Straße wird stetig weiterentwickelt und renoviert. In letzter Zeit sind hier neue Gebäude entstanden. So hat die in der Stadt bekannte Wohnungsbaugesellschaft GSG beispielsweise Mehrfamilienhäuser errichtet.


Autor: Yakub Zair-Bek
Fotografien aus dem Archiv des Autors und aus frei zugänglichen Quellen



