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Zwischen Royzentál und Rosenthal

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    Die Premiere des Films Rosenthal des Regisseurs Oliver Haffner fand im April 2025 im ZDF statt. Der Film gehört formal zum Genre des biografischen Dramas. Meiner Meinung nach besteht das Hauptziel des Films jedoch weniger darin, das Schicksal eines Holocaust-Überlebenden zu erzählen, als vielmehr darin, den gesellschaftlichen Konflikt im Nachkriegsdeutschland und die Formen der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu analysieren. Die Nachwirkungen dieses Konflikts sind bis heute spürbar. Die Biografie von Hans Rosenthal ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, mit dessen Hilfe die Spannung zwischen Erinnerung und dem Streben nach „Normalität”, zwischen der Anerkennung von Verantwortung und dem alltäglichen Wunsch, nicht beunruhigt zu werden, betrachtet wird. Genau deshalb geht der Film über den historischen Rahmen hinaus und seine Thematik ist auch heute noch aktuell. Der dargestellte Konflikt ist nicht beendet, sondern hat sich lediglich gewandelt.

    Die Handlung des Films konzentriert sich auf den Herbst 1978, einen Zeitpunkt, der als Wendepunkt für die deutsche Erinnerungskultur gilt. Zum ersten Mal werden die Ereignisse des 9. November 1938 auf staatlicher Ebene thematisiert. In seiner Rede in der Kölner Synagoge am 9. November 1978 spricht Bundeskanzler Helmut Schmidt offen über die Schuld der Deutschen und ihre Verantwortung für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Diese Geste markiert einen Wandel im öffentlichen Bewusstsein und geht den späteren Debatten der 1990er Jahre über zulässige Formen der Erinnerung, die Rolle des Staates sowie Bildung und Gedenkstätten voraus.

    Fast zeitgleich mit dieser öffentlichen Gedenkfeier wird am Abend die 75. Jubiläumsausgabe der beliebten Unterhaltungsshow „Dalli Dalli” im Fernsehen ausgestrahlt. Ihr Moderator Hans Rosenthal stand für das erfolgreiche und „normale” Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland. Er war selbst Jude, hatte den Holocaust überlebt, dabei seine Familie verloren und musste während der Nazizeit untertauchen. Über Jahrzehnte hinweg blieb seine Biografie im Schatten seines öffentlichen Images. Hier entsteht die zentrale Spannung des Films: Die Gesellschaft beginnt, über Schuld zu sprechen, zieht es aber weiterhin vor, wenn die Erinnerung den gewohnten Rhythmus des Alltags und des Abendfernsehens nicht stört.

    In dem Film Rosenthal wird der Hauptheld sowohl als Privatperson als auch als Vermittler zwischen verschiedenen Ebenen des gesellschaftlichen Bewusstseins dargestellt. Durch seine ständige Präsenz im Fernsehen wird er zu einem Teil der kollektiven „Normalität“ und das Medium entwickelt sich Ende der 1970er Jahre zu einem Ort des sozialen Komforts. Rosenthals Schweigen über seine eigene Vergangenheit erscheint weniger als persönliche Entscheidung, sondern vielmehr als eine Form des Schutzes und der Anpassung. Im Rahmen der „Normalisierung“ des Lebens nach dem Krieg wird eine jüdische Biografie von der Öffentlichkeit nur akzeptiert, wenn sie das Gefühl von Stabilität nicht stört. Der Film macht deutlich, dass Rosenthal von der Gesellschaft akzeptiert und sogar beliebt ist – aber nur, solange er Fernsehmoderator bleibt und nicht zum historischen Zeugen wird.

    Um diesen Mechanismus zu verstehen, ist es wichtig, den Begriff des sekundären Antisemitismus zu klären. Dabei geht es nicht um offene Feindseligkeit oder die Leugnung der Verbrechen des Nationalsozialismus. Vielmehr handelt es sich um eine Form der Entfremdung, die ausgerechnet vor dem Hintergrund der Anerkennung der Vergangenheit entsteht. Sie äußert sich in einer Ermüdung der Erinnerung, in Verärgerung über „ständige Erinnerungen” und im Wunsch, einen Schlussstrich zu ziehen und „weiterzuleben”. Die Verantwortung wird zwar formal anerkannt, doch bleibt die Erinnerung dabei begrenzt und rituell, ohne in den Alltag einzudringen. Der Film zeigt, dass diese Logik bereits in den 1970er Jahren galt. Eine jüdische Präsenz im öffentlichen Raum war nur zulässig, solange sie nicht zu einer unbequemen Erinnerung wurde.

    Dies wird besonders in den kurzen Repliken der Nebenfiguren deutlich. Auf die Frage, ob Rosenthal Jude sei, fallen Sätze wie „Er ist einer, aber einer von den Guten“ oder „Er ist ja selber einer … ein Jud halt“. Der erste Satz spiegelt die bekannte Logik der bedingten Akzeptanz wider. Diese besteht darin, dass eine positive Bewertung der einzelnen Person nur möglich ist, wenn man Abstand zur Gruppe als Ganzes hält. Der zweite Satz ist in seiner Form noch schärfer. Hier wird nicht das neutrale Wort „Jude“, sondern das umgangssprachliche und herabwürdigende „Jud“ verwendet. Letzteres ist eine grobe sprachliche Markierung, die den anderen Begriffen „Zigeuner” oder „Neger” nahekommt. Der Ausdruck „Jud” hat einen sozial herabwürdigenden Charakter und wird als antisemitisch empfunden. Besondere Brisanz erhält diese Szene durch den Kontext, in dem das Wort „Jud” vor dem Hintergrund einer Fernsehübertragung der Rede von Bundeskanzler Schmidt ausgesprochen wird. Der Film konfrontiert die offizielle Sprache der Verantwortung mit der Alltagssprache der Ausgrenzung und zeigt, dass beide gleichzeitig existieren. Antisemitismus erscheint hier nicht als Überbleibsel oder Randphänomen, sondern ist nach wie vor in die „Normalität” eingebettet.

    Ein weiterer wichtiger Kontrast im Film entsteht auf sprachlicher Ebene. In der Szene mit der älteren Frau, die den Holocaust überlebt hat, werden mehrere Sätze auf Jiddisch gesprochen. In diesem Zusammenhang klingt der Nachname des Haupthelden in der jiddischen Aussprache wie „Royzentál”, was im deutschen öffentlichen Raum einen ungewohnt weichen Klang hat. Dies wird als akustische Erinnerung an eine verdrängte Welt wahrgenommen, an eine Sprache, die mit einer anderen Erinnerung und einer anderen Biografie verbunden ist. Die Aussprache des Nachnamens auf Jiddisch ist eine Fortsetzung von Rosenthals innerem Konflikt und führt ihn zu dem Teil seiner Identität zurück, der im öffentlichen Leben verborgen bleibt. Ein scharfer Kontrast entsteht in diesem Zusammenhang in den Szenen, die im Büro des Beamten spielen. Dort klingt derselbe Nachname makellos deutsch als „Rosenthal“, neutral und korrekt. Diese Aussprache ist frei von Aggression, betont aber durch ihre Normativität gerade die Distanz. Der Name ist vollständig in die Amtssprache des Staates integriert und von kulturellen sowie historischen Konnotationen befreit. Zwischen Royzentál und Rosenthal besteht dieselbe Spannung wie zwischen persönlicher Erfahrung und gesellschaftlicher „Normalisierung” im Nachkriegsdeutschland. Die Verwendung des Jiddischen in einer sehr kurzen Szene des Films ist kein neutrales Kommunikationsmittel mehr, sondern wird zum Träger verdrängter Erinnerungen.

    Solche Details mögen auf den ersten Blick nebensächlich und fast alltäglich erscheinen, doch gerade sie übertragen das persönliche Drama des Helden konsequent auf die gesellschaftliche Ebene. Eine weitere bezeichnende Episode hängt mit einer Geste zusammen, die nach außen hin keine Aggression erkennen lässt. Einer der Charaktere nimmt in Rosenthals Haus eine Menora in die Hand und fragt, ob es sich dabei um einen „orientalischen” Gegenstand handele. Das Wort selbst wird nicht näher erläutert, sondern bleibt wie ein Hinweis, wie eine kulturelle Markierung, in der Luft hängen. Die Antwort des Haupthelden – „Nicht ganz.“ – klingt äußerst zurückhaltend und wird sofort von einem Rückzug aus der weiteren Unterhaltung begleitet. Es handelt sich dabei nicht um eine Auseinandersetzung oder Präzisierung, sondern um einen Rückzug. Die Szene wirkt nicht auf der Ebene der Information, sondern auf der Ebene der Spannung. Die Frage nach der „orientalischen“ Herkunft des Gegenstands deutet nicht auf ein echtes Interesse daran hin. Rosentals Antwort zeigt eine über Jahre hinweg entwickelte Verhaltensstrategie: Er lässt das Gespräch nicht über die festgelegten Grenzen hinausgehen. So demonstriert der Film einmal mehr, wie persönliche Erfahrungen und innere Traumata in ständigem Konflikt mit der Situation der „Normalität“ stehen.

    Somit erhält die Hauptfigur im Film eine umfassendere Bedeutung. Rosenthal war nicht nur ein beliebter Fernsehmoderator, sondern auch ein Vermittler zwischen staatlicher Erinnerung und gesellschaftlicher Wahrnehmung. In seinem Fernsehbild verband er Erfolg und erzwungenes Schweigen, Akzeptanz und Ausgrenzung. Der Film stilisiert den Helden weder zum Symbol noch zum Vorbild hoch, sondern hält einen strukturellen Widerspruch fest: Die Massenkultur akzeptiert jüdische Präsenz, kann jüdische Zeugnisse jedoch nur schwer ertragen.

    Rosenthal: The Great Showman – offizieller Trailer

    Vor diesem Hintergrund kann der Film Rosenthal als Beispiel für eine Erinnerungskultur „auf Augenhöhe” betrachtet werden. Direkt vor unseren Augen, auf dem Fernsehbildschirm, sehen wir ein „Zeichen der Erinnerung“: ein meisterhaft inszeniertes biografisches Drama. Ähnlich wie bei den Erinnerungszeichen, die beispielsweise in München realisiert und dann in Oldenburg übernommen wurden, verzichtet der Film auf eine symbolische „Herabwürdigung” der Erinnerung – jedoch nicht wörtlich, sondern bildlich. Die Erinnerung darf nicht unter den Füßen liegen, man darf nicht „über sie hinwegsteigen” und sie nicht übersehen. Sie erfordert keine rituelle Geste, sondern Begegnung und Aufmerksamkeit.

    Der Film Rosenthal kann kostenlos in der Mediathek des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders 3sat angesehen werden (Originalversion, deutsche Sprache): https://www.3sat.de/film/der-fernsehfilm-der-woche/rosenthal-publikumspreis-televisionale2025-100.html

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    In der aktuellen Debatte über Antisemitismus und „Erinnerungsmüdigkeit“ kommt der Film wie eine zurückhaltende, aber eindringliche Mahnung daher. Demnach liegt das Problem nicht im Fehlen von Denkmälern oder Worten, sondern in der mangelnden Bereitschaft der Gesellschaft, unbequeme Erkenntnisse über sich selbst zuzulassen. Film Rosenthal macht deutlich, dass diese Frage nach wie vor aktuell ist. Dabei erweist sich Oliver Haffners Arbeit als präziser und unaufdringlicher Kommentar zu einer der zentralen Spannungen in der deutschen Erinnerungskultur. Wir sehen erneut den Widerspruch zwischen der institutionellen Anerkennung von Verantwortung und der alltäglichen Wahrnehmung der Vergangenheit. Die Kraft und Aktualität des Films liegen in dem ruhigen und aufmerksamen Blick des Regisseurs „auf Augenhöhe” und von Angesicht zu Angesicht mit dem Zuschauer.

    Autor: Pavel Goldvarg (Bilder aus offenen Quellen)

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