
In den vorherigen Kapiteln dieser Essayreihe über jüdische Namen auf der Karte Oldenburgs habe ich unseren Lesern von zwei Opfern des Nationalsozialismus erzählt, nach denen Straßen in dieser niedersächsischen Stadt benannt sind: dem Pädagogen, Schriftsteller und Arzt Janusz Korczak sowie dem Mädchen Anne Frank aus Amsterdam, die während des Holocausts ums Leben kamen. In diesem und im nächsten Kapitel werde ich über die ersten Oldenburger Juden berichten, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Kapitel 11 ist dem Oldenburger Unternehmer und Politiker Leon Bukofzer gewidmet. Dabei geht es natürlich auch um die nach ihm benannte Straße.
Leon Bukofzer wurde am 10. Dezember 1876 in Berlin geboren. In verschiedenen Quellen findet man unterschiedliche Schreibweisen seines Namens: Leon, Lion oder Louis Lion Bukofzer. Leider gibt es in öffentlichen Quellen kaum Informationen über seine Kindheit, Jugend und Ausbildung. Es existieren auch keine Familienfotos, auf denen er mit seinen Kindern zu sehen ist, abgesehen von einem, auf dem er mit seiner Frau Elli abgebildet ist.



Im Jahr 1904 zog Leon nach Oldenburg, heiratete Elli Schulmann, die Tochter des Inhabers des Herrenbekleidungsgeschäfts „M. Schulmann” in der Achternstraße 38, und übernahm später die Leitung des Geschäfts. Die Familie lebte im selben Haus. Sie hatten zwei Kinder: eine Tochter namens Ilse, geboren am 12. Oktober 1907, und einen Sohn namens Manfred, geboren am 27. März 1910.
Leon Bukofzer war von 1912 bis 1930 Mitglied des Oldenburger Stadtrats für die liberal orientierte Deutsche Demokratische Partei (DDP). Damit war er mehr als 18 Jahre lang Stadtrat – vom Deutschen Krieg bis kurz vor dem Ende der Weimarer Republik. Angesichts der Tatsache, dass dies eine sehr turbulente Zeit in der deutschen Geschichte war, spiegelt dies das hohe Maß an Vertrauen wider, das ihm ein Teil der städtischen Wählerschaft entgegenbrachte. Zudem ist es ein Indikator dafür, welche Rolle jüdische Bürger in dieser Zeit in der Wirtschaft und im öffentlichen Leben Oldenburgs spielten.
Leons Frau Elli starb im Februar 1935, zu diesem Zeitpunkt waren die Kinder bereits erwachsen und führten ihr eigenes Leben. Sohn Manfred, der sein Leben der Musik gewidmet hatte, verließ Deutschland bereits 1933, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Er lebte fortan in Basel in der Schweiz. Auch seine Tochter Ilse, verheiratete Strauß, verließ Oldenburg und ging in die USA. Nach dem Tod seiner geliebten Frau und dem Weggang seiner Kinder verband Leon fast nichts mehr mit Oldenburg, sodass er schließlich im Mai 1935 nach Berlin zog.
Da das NS-Regime zu dieser Zeit aktiv eine Politik der „Arisierung“ jüdischen Eigentums betrieb, kann man davon ausgehen, dass Leon Bukofzer sich dessen bewusst war, dass auch sein Geschäft in der Achternstraße früher oder später davon betroffen sein würde. Und genau das geschah auch – sehr bald. Bereits Anfang 1936 wurde das Familienunternehmen „arisiert“ und am 18. Januar 1936 erschien in der lokalen Zeitung eine entsprechende Anzeige der Firma „Muchelmann“: „Ich habe das seit 45 Jahren bestehende Herrenbekleidungsgeschäft ‚M. Schulmann, Oldenburg i. O. erworben und werde es als deutsches Unternehmen weiterführen.“
In Oldenburg gibt es noch heute die Achternstraße, in der sich das Haus mit der Nummer 38 erhalten geblieben ist. Natürlich wurde es in den letzten 90 Jahren mehrfach umgebaut, doch auch heute befindet sich darin ein Geschäft, wenn auch mit einem ganz anderen Profil.




Leon Bukofzer lebte etwa sieben Jahre lang in Berlin. Danach verschärfte sich die Verfolgung durch die Nationalsozialisten drastisch. Am 10. Juli 1942 wurde er von Berlin aus nach Theresienstadt deportiert, einem Ghetto und Konzentrationslager auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik. Es war von den Nationalsozialisten als Durchgangslager für Juden konzipiert, die anschließend nach Auschwitz und in andere Konzentrationslager verschleppt wurden. Bukofzer verbrachte etwas mehr als zwei Jahre in Theresienstadt und wurde schließlich am 28. Oktober 1944 mit einem Transport nach Auschwitz gebracht. Auschwitz wurde auch als „Todeslager Auschwitz” bezeichnet. Bukofzer kam am 30. Oktober 1944 in Auschwitz an und wurde dort ermordet. Das genaue Datum seines Todes ist nicht bekannt.
Ilse Strauss-Kirschtein und ihr Sohn Manfred Bukofzer überlebten den Holocaust. Besonders interessant ist das Schicksal von Manfred Bukofzer, der in Wikipedia als amerikanischer Musikwissenschaftler beschrieben wird, der einen großen Beitrag zur Erforschung der Barockmusik geleistet hat. Er studierte an der Universität Heidelberg und am Sternschen Konservatorium in Berlin. 1933 emigrierte er aus Deutschland in die Schweiz, genauer gesagt nach Basel. 1939 zog er in die USA, wo er ab 1941 an der University of California lehrte, bis er 1955 an einer schweren Blutkrankheit starb. Laut genealogischen Datenbanken lebte seine Schwester Ilse Kirstein (in zweiter Ehe) im Bundesstaat New York in den USA, wo sie am 7. Juli 1970 im Alter von 62 Jahren starb.

In Oldenburg ist der Name Leon Bukofzer in der nach ihm benannten Leon-Bukofzer-Straße im Stadtteil Kreyenbrück verewigt. In Straßenverzeichnissen wird angegeben, dass die Straße nach Louis Leon Bukofzer (1876–1944) benannt ist. Es ist eine ruhige und grüne Straße, in der die Geschwindigkeit des Autoverkehrs auf 30 km/h begrenzt ist. Als würde sie symbolisieren, dass man beim Einbiegen in diese Straße, die zum Gedenken an ein unschuldiges Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung benannt wurde, die Geschwindigkeit verringern, vielleicht sogar anhalten, aussteigen, schweigend stehen bleiben, die Inschrift auf dem Straßenschild lesen und nachdenken sollte …

In Oldenburg gibt es einen besonderen Ansatz, um der Opfer des Nazi-Regimes zu gedenken. Dieser stellt eine Alternative zu dem bekannten Projekt „Stolpersteine” des Kölner Künstlers, Bildhauers und Graveurs Günther Demnig dar. Die Stolpersteine werden direkt auf den Gehwegen vor den Häusern angebracht, in denen die verfolgten Juden gelebt oder gearbeitet haben. Auf der Website des Alten Jüdischen Friedhofs Oldenburg wird darauf hingewiesen, dass die jüdische Gemeinde der Stadt gegen die „Stolpersteine” protestierte, da sie das Projekt als respektlos empfand und darin ein „Mit-Füßen-Treten der Namen der umgekommenen Juden sowie eine Verunreinigung der Gedenksteine” sah. Die Stadtverwaltung hat diese Position berücksichtigt.

Seit 2021 wird in Oldenburg der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Zu diesem Zweck werden kleine Gedenktafeln zu Ehren der Frauen, Männer und Kinder angebracht, die während der nationalsozialistischen Diktatur aufgrund von Rassismus und Religion verfolgt und getötet wurden. Vorbild war ein Projekt, das in München entwickelt und umgesetzt wurde. Im Rahmen dessen wurden in der Stadt sogenannte „Erinnerungszeichen” in Augenhöhe an den Orten angebracht, an denen Juden lebten und arbeiteten, die während des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Diese Erinnerungszeichen gibt es in zwei Grundvarianten: als Wandtafeln an der Fassade von Gebäuden oder als Säulen bzw. Stelen im öffentlichen Raum. Sie enthalten die wichtigsten Daten aus dem Leben der Opfer, Informationen über ihr Schicksal sowie, sofern vorhanden, Fotos.
Auf ihrer Website berichtet die Oldenburger Bürgerstiftung über die Anbringung einer Gedenktafel in Form einer Wandtafel zu Ehren von Leon Bukofzer an der Achternstraße 38, seinem ehemaligen Arbeits- und Wohnort. Das ästhetisch ansprechende Zeichen bewahrt auf würdige Weise die Erinnerung an den Oldenburger Unternehmer und Stadtpolitiker.
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Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors und aus öffentlichen Quellen



