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Die Geschichte eines jüdisch-amerikanischen Tischtennisspielers

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    Standbild aus dem Film, Foto: IMAGO / Landmark Media.  Quelle: stutttgarter-nachrichten.de

    Am 26.Februar 2026 erscheint in den deutschen Kinos der neueste Film des jüdischen Regisseurs Josh Safdie. Es ist sein erster Solofilm seit der geschäftlichen Trennung von seinem Bruder Benny Safdie, deren letzter gemeinsamer Film Uncut Gems (2019) bereits von einem jüdischen Juwelier handelte, der unter Spielsucht leidet und an Pessach vor seinen Schulden flieht — gespielt von Adam Sandler. Schon dieser Film erhielt hervorragende Kritiken und gilt bei vielen als einer der besten Filme der letzten Jahre.

    Auch ich war ein großer Fan von „Uncut Gems“ und blickte voller Vorfreude auf die Ankündigung von Safdies neuestem Film. Darin spielt der in New York lebende Marty Mauser, der im Schuhladen seines Onkels arbeitet und relativ erfolgreich Tischtennis spielt. Als erster Amerikaner will er die Weltmeisterschaft in Großbritannien gewinnen. Um dorthin zu reisen, braucht er jedoch Geld, das sein Onkel ihm nicht geben möchte. Mehr will ich nicht verraten, da man sonst die rasant erzählte Handlung zu sehr vorwegnimmt. Ich hatte tatsächlich das Glück und habe es diese Woche in einem Kino mir angeschaut, ich freue mich darauf, es mit Ihnen hier bei „der Bote“ zu teilen!

    Im 150-minütigen Film passiert sehr viel: Er ist schnell, provokant, musikalisch, mit jüdischem Humor, einem Hauch Jiddisch und vielen überdrehten Momenten. Ich möchte hier einige Aspekte hervorheben, ohne die Handlung zu spoilern.

    Lassen Sie mich eines klarstellen: Diesen wilden Ritt kann ich nur wärmstens empfehlen. Es ist ein besonderer Film, weil es solche heute nur noch selten gibt. Von der Struktur her erinnert er stellenweise an Citizen Kanes Achterbahnfahrt, kombiniert mit der Intensität eines langen Films von Martin Scorsese und gelegentlichen humorvollen Momenten, wie man sie von Steven Spielberg kennt. Den wohl jüdischsten Film des Jahres sollte man sich nicht entgehen lassen!

    Zunächst zur Hauptfigur Marty Mauser: Die Figur ist nur lose vom realen Tischtennisstar Marty Reisman inspiriert. Die Ereignisse des Films sind überwiegend fiktional. Reisman selbst gewann 22 Titel, darunter fünf Bronzemedaillen bei den World Table Tennis Championships sowie bedeutende internationale Turniere und gilt als einer der besten amerikanischen Tischtennisspieler aller Zeiten.

    Im Film werden einzelne biografische Elemente aufgegriffen; etwa seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen und das Umfeld des New Yorker Straßenlebens; doch die Handlung entwickelt sich deutlich eigenständig. Das jüdische New York der Nachkriegszeit wird dabei in Ausschnitten gezeigt, eher als Hintergrund, denn als Hauptthema, doch diese formt ganz klar unsere Hauptfigur. Reisman selbst war eine schillernde Persönlichkeit, Spieler und Entertainer zugleich. Bekannt wurde er auch durch Auftritte vor den Harlem Globetrotters. Sein Spitzname „The Needle“ bezog sich auf seine schlanke Figur. „Ich trat gegen die Leute im Geist der Gladiatoren an“, sagte er einmal.

    Links: Timothée Chalamet als Marty Mauser , Rechts: Der echte Tischtennischampion Marty Reismann. Quelle: @people.-com , Credit : A24 ; Bettmann/Getty

    Einige Tischtennisspielerfiguren greifen reale Vorbilder aus der Nachkriegszeit auf, etwa Alojzy Ehrlich. Der polnisch jüdische Spitzenspieler gehörte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zur Weltelite und wurde mehrfach Vizeweltmeister.

    Alojzy Ehrlich am trainieren. Quelle: Museum oft he jewish people.com, Credit: TTF-Archiv

    1943 deportierten ihn die Nationalsozialisten nach Auschwitz Birkenau. Dort erkannten Wachleute seine außergewöhnlichen Fähigkeiten und zwangen ihn, zur Unterhaltung der SS-Tischtennis zu spielen, was ihm vermutlich das Leben rettete.

    Nach der Befreiung kehrte er nicht dauerhaft nach Polen zurück, sondern ließ sich schließlich in Frankreich nieder, wo er weiterhin auf hohem Niveau spielte und sogar für die französische Nationalmannschaft an internationalen Wettbewerben teilnahm. Seine Biografie steht exemplarisch für eine Generation europäischer jüdischer Sportler, deren Karrieren durch Verfolgung, Exil und Neuanfang geprägt wurden.

    Gespielt wird Marty Mauser von Timothée Chalamet, der für diese Rolle bereits einen Golden Globe gewann. Der Film ist insgesamt für sechs Oscars nominiert, und Chalamet gilt als einer der Favoriten auf den Preis als bester Hauptdarsteller. Mit nur 30 Jahren ist dies bereits seine dritte Nominierung. Schon bei seiner ersten Nominierung für Call Me by Your Name nach dem Roman von André Aciman war er einer der jüngsten Nominierten überhaupt, der jüngste seit Mickey Rooney im Jahr 1940. Zuletzt wurde er auch für seine Darstellung von Bob Dylan nominiert, interessanterweise sind alle drei Charaktere jüdischen Glaubens, Timothées Mutter ist ebenfalls eine New Yorker Jüdin, sein Vater hingegen ein französischer Korrespondent für die Zeitschrift Le Parisien.

    Sollte Chalamet gewinnen, würde er zu den jüngsten Gewinnern der Oscar Geschichte zählen. Jünger war nur Adrien Brody, der für Der Pianist mit 29 Jahren ausgezeichnet wurde. Chalamet würde sich außerdem in eine Reihe von Schauspielern einordnen, die ihren ersten Oscar um das Alter von 30 erhielten, darunter Marlon Brando und Richard Dreyfuss. Das zeigt, in welcher Größenordnung sich seine Karriere inzwischen bewegt.

    Für die Rolle trainierte Chalamet über Jahre hinweg Tischtennis und arbeitete intensiv im Method Acting Stil. Während der Promotion berichtete er zudem, dass er im Film absichtlich Kontaktlinsen trug, um seine Sicht zu verschlechtern, damit er anschließend echte Brillen zur Korrektur tragen konnte, was zugleich den charakteristischen Blick der Figur erzeugte

    Von Links nach rechts: Gwyneth Paltrow, Timothée Chalamet, Odessa A`zion und Josh Safdie. Quelle: @justjared.com, Credit: Eric Charbonneau/A24

    Zu den wichtigsten weiblichen Darstellerinnen gehören alle samt die jüdischen Schauspielerinnen Fran Drescher, Gwyneth Paltrow (väterlicherseits Paltrowitch, Rabbinerstamm aus Nowogrud) und Odessa A’zion, Tochter der Schauspielerin Pamela Adlon. Zwei der drei Figuren sind im Film jüdisch, mehr soll dazu nicht verraten werden.

    Trailer auf Deutsch

    „Marty Supreme“ spielt in der Nachkriegszeit und zeigt eine nicht nur amerikanische Gesellschaft, die auf unterschiedliche Weise vom Krieg geprägt ist, etwa durch Verlust, Traumata und zugleich den Wunsch nach Normalität, Aufstieg und persönlichem Erfolg. Dabei verfolgen die einzelnen Figuren sehr unterschiedliche Vorstellungen von Erfolg. Gesellschaftliche Probleme wie Antisemitismus in den USA werden bewusst thematisiert und zugleich geschickt mit Patriotismus in Beziehung gesetzt. Die doch so komplexe Situation der Jüdischen Bürger in der Nachkriegszeit wird hier wahrhaftig clever inszeniert und auch debattiert.

    Neben spektakulären Tischtennisszenen enthält der Film mehrere symbolische und metaphorische Sequenzen, etwa eine auffällige Pyramiden Szene oder eine verstörende Schoah Erzählung. Solche Szenen wirken weniger historisch als vielmehr psychologisch und zeigen, wie Erinnerungen von Generationen und Identität die Hauptfigur in dessen Entscheidungsfindung verfolgen. Es ist ein intensiver Film über Ehrgeiz, Herkunft, den Sport und schlichter Überlebenswillen. Und eines sei vorweggenommen. Er endet auf eine mittlerweile typische kompromisslose Safdie Art.

    Autor: Yotam Licht (Bilder aus offenen Quellen)

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