Sendung: Masl Tov
Radiosender: Oldenburg Eins
Journalist: Thomas Kleinspehn
Interviewpartner: Pavel Goldvarg und Jekaterina Smolina
Thema: Die neue liberale jüdische Gemeinde in Oldenburg
Erweiterte schriftliche Zusammenfassung des Interviews
Frage:
In Deutschland stellen sich viele nicht-jüdische Menschen jüdische Gemeinden als weitgehend einheitlich vor. Dabei gibt es im Judentum verschiedene Ausrichtungen. In Oldenburg ist nun eine zweite, liberale Gemeinde entstanden. Was bedeutet das konkret?
Antwort:
Wir haben den ersten organisatorischen Schritt bereits geschafft – wir sind eine anerkannte Gemeinde. Wir verstehen uns als liberale jüdische Gemeinde, im Unterschied zur bestehenden Gemeinde, die sich konservativ entwickelt hat. Viele Menschen haben sich bewusst für diesen liberalen Weg entschieden. Unser Ziel ist es, ein Angebot für diejenigen zu schaffen, die sich liberal positionieren. Wir sprechen hier von etwa 50 bis 60 Personen, die wir in Oldenburg kennen. Aktuell sind wir noch eine kleine Gemeinde mit rund 20 Mitgliedern, und die Gründungsphase ist noch nicht vollständig abgeschlossen.
Frage:
Die meisten Ihrer Mitglieder waren zuvor Teil der bestehenden Gemeinde?
Antwort:
Ja, viele waren über 20 bis 30 Jahre Mitglied der bisherigen Gemeinde. Sie sind dann ausgetreten, und wir haben gemeinsam eine neue liberale Gemeinde gegründet.
Frage:
Was war der entscheidende Grund für diesen Schritt?
Antwort:
Der Hauptgrund ist, dass sich die bestehende Gemeinde zunehmend konservativ entwickelt hat. Der Unterschied zwischen konservativem und liberalem Judentum liegt vor allem darin, welche Rolle die rabbinische Autorität spielt. Im konservativen Judentum steht die rabbinische Auslegung stärker im Vordergrund. Im liberalen Judentum hat die eigene Interpretation ein höheres Gewicht. Die rabbinische Meinung ist wichtig, aber sie ist eine von mehreren. Es gibt auch Unterschiede in der Halacha sowie in der Stellung von Frauen in der Gemeinde.
Frage:
Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Antwort:
Ein Beispiel ist die Rolle von Frauen als Rabbinerinnen. Formal ist das im konservativen Judentum möglich, in der Praxis aber nicht immer vollständig akzeptiert. Ein weiterer Unterschied betrifft die Sprache im Gottesdienst. In liberalen Gemeinden kann neben Hebräisch auch in der Muttersprache gebetet werden – also Deutsch oder Russisch. Viele Menschen beherrschen Hebräisch nicht ausreichend, um frei beten zu können.
Frage:
Wie sieht Ihr Gemeindeleben aktuell aus?
Antwort:
Wir treffen uns derzeit auch privat zu Gottesdiensten. Kürzlich konnten wir einen jüdischen Feiertag in der Synagoge in Dornum feiern. Die Gebete wurden auf Hebräisch, Deutsch und Russisch gesprochen. Regelmäßige Gottesdienste sind im Moment schwierig, da uns geeignete Räumlichkeiten fehlen. Wir stehen dazu im Austausch mit der Stadt Oldenburg und hoffen auf Unterstützung.
Frage:
Was benötigen Sie konkret?
Antwort:
Ein Raum von etwa 100 Quadratmetern wäre ausreichend, idealerweise mit einer kleinen koscheren Küche. Möbel haben wir bereits. Wir werden stark unterstützt, insbesondere durch die Union progressiver Juden in Deutschland, deren Mitglied wir seit 2025 sind.
Frage:
Ist es in einer liberalen Gemeinde möglich, Gottesdienste auch ohne Rabbiner durchzuführen?
Antwort:
Ja, das ist möglich. Wichtig ist, dass der Gottesdienst korrekt durchgeführt wird. Es gibt Mitglieder, die diese Aufgabe übernehmen können. Gleichzeitig haben wir rabbinische Begleitung durch Rabbinerinnen, die uns vor Ort und online unterstützen.
Frage:
Worin liegt der Unterschied im Gottesdienst selbst?
Antwort:
Es gibt keinen Dogmatismus. Die rabbinische Meinung ist eine Perspektive, aber keine Vorschrift. Eigene Interpretation ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Der Rabbiner steht nicht über der Gemeinde, sondern ist Teil davon. Diskussionen sind offen, es gibt keinen Druck.
Frage:
Spiegelt sich dieser Ansatz auch im Gemeindeleben außerhalb des Gottesdienstes wider?
Antwort:
Ja, sehr stark. Wir haben einen Seniorenkreis und treffen uns regelmäßig zu Gesprächen. Dabei geht es nicht nur um religiöse Themen, sondern auch um gesellschaftliche Fragen, etwa Künstliche Intelligenz oder Geschichte. Wir sprechen über persönliche Lebenswege, zeigen Fotos und schaffen eine familiäre Atmosphäre.
Frage:
Welche Projekte setzen Sie aktuell um?
Antwort:
Ein Projekt beschäftigt sich mit jüdischen Orten in Oldenburg, etwa der zerstörten Synagoge oder dem jüdischen Friedhof. Daraus ist eine Broschüre entstanden, die in der Stadtbibliothek erhältlich ist. Außerdem arbeiten wir im Bildungsbereich, insbesondere mit Kindern, zum Beispiel mit Malbüchern zum hebräischen Alphabet und zu Themen aus dem Tanach.
Frage:
Welche Rolle spielt gesellschaftliches Engagement?
Antwort:
Eine sehr große. Aufklärung ist ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit, insbesondere im Kampf gegen Antisemitismus. Wir arbeiten an Publikationen und Bildungsprojekten, die sich an die Öffentlichkeit richten. Dabei ist wichtig: Wir missionieren nicht. Wir informieren und laden zum Dialog ein, ohne Menschen zur Konversion zu bewegen.
Frage:
Spielt soziale Arbeit in Ihrer Gemeinde eine Rolle?
Antwort:
Ja, selbstverständlich. Wir kümmern uns um ältere Menschen, besuchen Kranke und helfen im Alltag. Das gehört wesentlich zum Gemeindeleben. Gleichzeitig sind wir offen nach außen. Auch Menschen, die formal nicht Mitglieder sind oder nach Halacha nicht als jüdisch gelten, sind bei uns willkommen.
Frage:
Kann man sagen, dass Ihre Gemeinde ein sozialer Ort ist, unabhängig von formaler Zugehörigkeit?
Antwort:
Ja, das trifft es gut. Der religiöse Aspekt ist wichtig, aber ebenso die soziale und kulturelle Dimension. Menschen mit jüdischem Bezug oder Interesse sind bei uns willkommen, auch wenn sie einer anderen Religion angehören.
Frage:
Welche Projekte planen Sie für die Zukunft?
Antwort:
Wir arbeiten an einem Buch über Straßen in Oldenburg, die nach jüdischen Persönlichkeiten benannt sind. Außerdem betreiben wir ein zweisprachiges Online-Medium „Der Bote – der Schlich“. Dort veröffentlichen wir Beiträge zur jüdischen Geschichte, Kultur und zum Gemeindeleben, überwiegend auf Deutsch und Russisch.
Frage:
Wie ist Ihre Gemeinde organisatorisch eingebunden?
Antwort:
Wir gehören derzeit noch keinem Landesverband an, ein Antrag läuft. Daher sind wir noch nicht Teil des Zentralrats der Juden in Deutschland. Wir sind jedoch Mitglied der Union progressiver Juden in Deutschland sowie assoziiertes Mitglied der Europäischen Jüdischen Assoziation.
Frage:
Welche Herausforderungen bestehen aktuell?
Antwort:
Vor allem finanzielle. Ohne institutionelle Einbindung sind wir auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen. Der Aufbau ist nicht einfach, aber wir gehen diesen Weg Schritt für Schritt.



