Im Rahmen der Sendung Aktuelles Interview spricht der Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg, Pavel Goldvarg, über die Gründung der Gemeinde, ihre Ziele und ihr Selbstverständnis. Thematisiert werden das liberale Judentum, das Gemeindeleben, Bildungs- und Gesprächsangebote sowie die aktuelle Situation und Perspektiven der jungen Gemeinde in Oldenburg.
Sendung: Aktuelles Interview
Sender: Oldenburg Eins
Journalist: Aaron Zimmermann
Interviewpartner: Pavel Goldvarg
Thema: Gründung und Ziele der Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg
Schriftliche Zusammenfassung und Transkript des Interviews
Aaron Zimmermann:
Hallo und herzlich willkommen bei Aktuelles Interview.
In Oldenburg wurde im letzten Jahr eine zweite jüdische Gemeinde gegründet. Neben der alten jüdischen Gemeinde, die bereits seit über 30 Jahren besteht, gibt es nun auch eine liberale jüdische Gemeinde hier bei uns in Oldenburg. Ich habe mich heute mit dem Vorsitzenden der Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg, Pavel Goldvarg, getroffen und möchte gern mehr darüber erfahren, was die Hintergründe und Ziele dieser Gemeinde sind.
Pavel Goldvarg:
Guten Tag, danke für die Einladung.
Wie schon gesagt, wir sind eine liberale jüdische Gemeinde. Wir wurden im Oktober 2024 gegründet, haben dort unser Gründungsprotokoll unterschrieben und sind seit dem 1. April 2025 offiziell beim Amtsgericht Oldenburg als eingetragener gemeinnütziger Verein registriert. Gegründet wurde die Gemeinde von 14 Personen jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens, und momentan zählen wir 21 Mitglieder.
Aaron Zimmermann:
Vielen Dank. Was war denn der Anlass für die Gründung der liberalen jüdischen Gemeinde?
Pavel Goldvarg:
Der Anlass ist, dass wir eine liberale Sichtweise haben. In erster Linie natürlich, weil es – so wie im Christentum – auch im Judentum mehrere Strömungen gibt. Die drei Hauptströmungen sind das orthodoxe Judentum, das konservative Judentum und das liberale oder Reformjudentum, je nach Land unterschiedlich benannt. Diese Strömungen unterscheiden sich darin, in welchem Ausmaß die Mitglieder einer Gemeinde die religiöse Seite ihres Lebens erleben möchten.
Aaron Zimmermann:
Können Sie das etwas genauer erklären? Worin unterscheidet sich das liberale Judentum konkret?
Pavel Goldvarg:
Liberale Gemeinden dürfen Gottesdienste in der Muttersprache durchführen. In Deutschland also auf Deutsch, aber auch auf Russisch, da viele Mitglieder unserer Gemeinde aus der ehemaligen Sowjetunion stammen und Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland gekommen sind. Der Hauptunterschied ist, dass die heiligen Texte und Gebete in der Muttersprache gelesen werden dürfen. Konservative und orthodoxe Strömungen halten sich strenger an die Halacha, das jüdische Gesetz, und bleiben beim Hebräischen, der Sprache der Tora.
Aaron Zimmermann:
Würden Sie also sagen, dass das liberale Judentum mehr Freiräume für die Mitglieder lässt?
Pavel Goldvarg:
Ja, Freiräume im Sinne der Ausgestaltung des religiösen Lebens. Während andere Strömungen sich stärker an rabbinische Vorschriften orientieren, ist für uns die rabbinische Meinung sehr wichtig, aber wir interpretieren die heiligen Texte auch aus unserer eigenen Weltanschauung heraus. Die Meinung des einzelnen Menschen ist für uns ebenso wichtig. Das klingt vielleicht widersprüchlich, lässt aber mehr Raum für individuelle Lebensgestaltung.
Aaron Zimmermann:
Alina Treiger war viele Jahre Rabbinerin in Oldenburg und ist 2024 nach Hamburg gegangen. War ihr Weggang ein Auslöser für die Gründung der liberalen jüdischen Gemeinde?
Pavel Goldvarg:
Im Großen und Ganzen ja. Alina Treiger ist eine liberale Rabbinerin, und wir haben ihren Werdegang über Jahre miterlebt. Viele Gemeindemitglieder hatten eine sehr persönliche Bindung zu ihr. Sie sprach Deutsch und Russisch, und gerade für ältere Menschen war der seelische Kontakt in der Muttersprache besonders wichtig. Für meine eigene Familie war sie in guten wie in schlechten Zeiten da. Das war einer der wichtigsten Punkte. Der andere Punkt ist, dass das liberale Judentum mehr Freiräume bietet und die rabbinische Meinung nicht als Gesetz im halachischen Sinne verstanden wird, sondern als eine wichtige Orientierung.
Aaron Zimmermann:
Wie sieht das Gemeindeleben bei Ihnen aus? Was bieten Sie konkret an?
Pavel Goldvarg:
Wir sind eine junge Gemeinde, haben aber bereits mehrere Projekte. Es gibt einen Senioren- und Gesprächskreis, zu dem alle Interessierten eingeladen sind. Dort sprechen wir über kulturelle Hintergründe, gesellschaftliche Themen und aktuelle Fragen. Im Februar planen wir zum Beispiel einen Gesprächskreis zum Thema Künstliche Intelligenz. Diese Treffen stehen nicht nur Mitgliedern offen, sondern allen Menschen jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens.
Für uns ist Judentum sowohl Religion als auch ethnische Zugehörigkeit. Viele Juden aus der ehemaligen Sowjetunion lebten säkular, weil religiöse Praxis unterdrückt war. Deshalb ist der kulturelle Aspekt für viele genauso wichtig wie der religiöse.
Aaron Zimmermann:
Wie ist das Verhältnis zur alten jüdischen Gemeinde in Oldenburg?
Pavel Goldvarg:
Es gibt keinen Streit und keine Absicht, einen Streit zu beginnen. Wir wollen friedlich miteinander leben und die Interessen aller Juden in der Stadt vertreten. Wir beanspruchen nicht die Nutzung der bestehenden Synagoge. Unsere religiösen Vorstellungen sind unterschiedlich, und deshalb streben wir eigene Räumlichkeiten und eigene Gottesdienste an.
Aaron Zimmermann:
Wie sieht die Unterstützung durch Politik und Öffentlichkeit aus?
Pavel Goldvarg:
Die Politik ist offen. Ich hatte Gespräche mit dem Oberbürgermeister und der SPD-Fraktion im Rathaus. Man sieht unsere Gemeinde als Ausdruck der Vielfalt jüdischen Lebens in Oldenburg. In anderen Städten wie Hannover gibt es ebenfalls mehrere jüdische Strömungen, und die Menschen können selbst entscheiden, wo sie sich zugehörig fühlen.
Aaron Zimmermann:
Wie sehen Ihre Gottesdienste aktuell aus?
Pavel Goldvarg:
Derzeit finden Religionsunterricht und Tora-Lesungen online statt, in Kooperation mit der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburg. Gemeinsam haben wir auch Bücher für jüdische Kinder publiziert, zum Beispiel Arbeitshefte zur Bar- und Bat-Mizwa.
Aaron Zimmermann:
Wie finanzieren Sie sich im Moment?
Pavel Goldvarg:
Über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Der Spielraum ist sehr begrenzt. Wir haben einen Antrag auf Mitgliedschaft im Landesverband der Jüdischen Gemeinden Niedersachsen gestellt und warten noch auf eine Antwort.
Aaron Zimmermann:
Welche Zukunftspläne haben Sie für das kommende Jahr?
Pavel Goldvarg:
Unsere nächsten Ziele sind die Frage nach eigenen Räumlichkeiten und nach einer Rabbinerin oder einem Rabbiner. Seit Juni 2025 sind wir Mitglied der Union Progressiver Juden in Deutschland, seit Kurzem auch Teil der European Jewish Association. Wir engagieren uns außerdem publizistisch, etwa mit Projekten zu jüdischen Orten und Straßennamen in Oldenburg sowie mit journalistischer Arbeit in mehreren Sprachen.
Aaron Zimmermann:
Vielen Dank für das Gespräch.
Pavel Goldvarg:
Vielen Dank für die Einladung.



