Zum Inhalt springen

Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 4. Landesrabbiner Philipp de Haas

    16
    image_pdfPDF-Ansichtimage_printDruckansicht

    In den ersten drei Kapiteln dieses Essayzyklus habe ich den Leserinnen und Lesern von Professor Dr. Leo Trepp, dem letzten vor dem Krieg amtierenden Landesrabbiner Oldenburgs, von Adolf Daniel de Beer, dem letzten vor dem Krieg amtierenden Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Oldenburg, und von Janusz Korczak, dem legendären Pädagogen, Arzt, Schriftsteller und gesellschaftlichen Aktivisten, erzählt. Ich habe von ihrem nicht leichten und teils sogar tragischen Lebensweg berichtet. Dabei ging es auch um jene Straßen im niedersächsischen Oldenburg, die nach diesen berühmten Juden benannt wurden. In diesem Kapitel berichte ich über den Landesrabbiner und Vorgänger von Professor Leo Trepp in diesem Amt, Dr. Philipp de Haas, sowie über seinen Lebensweg und seine Rolle für die Entwicklung des jüdischen Lebens in Oldenburg und der Region. Natürlich wird es auch um die Straße gehen, die seinen Namen trägt.

    Dr. Philipp de Haas, Landesrabbiner von Oldenburg (1884–1935) ©Alemannia Judaica, Fotograf unbekannt
    Die Jüdisch-Theologische Seminaria in Breslau (Wrocław) ©commons.wikimedia.org

    Philipp de Haas wurde am 6. März 1884 in Pyrmont (heute Bad Pyrmont, ein Kurort in Niedersachsen) geboren. Er war der Sohn des Lehrers Markus de Haas. In seiner Kindheit und Jugend besuchte er das Gymnasium in Halberstadt, Sachsen-Anhalt. Er legte die Abschlussprüfungen erfolgreich ab und zog anschließend zum Studium nach Breslau in Schlesien (heute Wrocław, Polen). Dort trat er 1902 in das Jüdisch-Theologische Seminar an der örtlichen Universität ein. Dieses 1854 gegründete Seminar galt als zentrale Ausbildungsstätte für Rabbiner und Lehrkräfte des Judentums. Die umfangreiche Bibliothek der Einrichtung umfasste über 30.000 Bände. Aufgrund ihres Bildungsprofils stand das Seminar gleichermaßen im Mittelpunkt des Interesses sowohl der Vertreter des reformorientierten Judentums als auch der traditionellen Orthodoxie. Das Jüdisch-Theologische Seminar bestand bis 1938, als es von den Nationalsozialisten geschlossen wurde.

    Beschreibung der Einführung von de Haas als Landesrabbiner von Oldenburg in der Zeitschrift „Der Israelit“ vom 7. November 1920 ©Alemannia Judaica, Fotograf unbekannt

    Philipp de Haas besuchte dieses Seminar bis 1905 und setzte anschließend seine Ausbildung an der Universität Straßburg fort, wo er 1906 den Doktorgrad in Philosophie erwarb. Danach kehrte er nach Breslau zurück und legte 1909 am Jüdisch-Theologischen Seminar die Rabbinerprüfung ab. Ab 1910 war er zunächst als zweiter Rabbiner in Posen und später als Rabbiner in Kattowitz (heute Katowice, Polen) tätig. Nach der Abtretung Kattowitz‘ durch Deutschland an Polen entschied sich Philipp de Haas, nicht dort zu bleiben. Im Jahr 1920 bewarb er sich auf die vakante Stelle im Oldenburger Landesrabbinat und wurde bald darauf in dieses Amt gewählt.

    Während der 15-jährigen Amtszeit von de Haas als Landesrabbiner von Oldenburg wurden mehrere Reformen der rechtlichen Beziehungen der jüdischen Gemeinden zum Staat durchgeführt. Grundlage hierfür war unter anderem das „Gesetz über das Recht der jüdischen Religionsgesellschaft im Landesteil Oldenburg zur Erhebung von Steuern“ vom 28. März 1927 sowie weitere Regelungen. Die Synagogengemeinderäte und der Landesgemeinderat wurden vergrößert, während die organisatorische Struktur unverändert blieb. Darüber hinaus wurden die Synagogengemeinden – ebenso wie die Landesgemeinde – zu Körperschaften des öffentlichen Rechts. Trotz dieser Reformen gelang es de Haas jedoch nicht, finanzielle Unterstützung vom Staat zu erhalten, um die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Gemeinde zu bewältigen. Im Jahr 1932 fanden in Oldenburg – wie im gesamten Deutschen Reich – Wahlen zum Reichstag statt, bei denen die NSDAP die meisten Stimmen erhielt. Dies verstärkte ihren politischen Einfluss und führte schließlich zur Machtergreifung Hitlers. Für die jüdische Gemeinde verschlechterte sich die Lage weiter, nachdem die Regierung im selben Jahr die seit 1876 gewährten staatlichen Zuschüsse für ihre laufenden Ausgaben einstellte. De Haas reagierte darauf, indem er sein eigenes Gehalt senkte und erfolgreiche Verhandlungen mit dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden führte. Dadurch konnte sich die Oldenburger Landesgemeinde diesem Verband anschließen und wurde fortan nahezu vollständig von ihm finanziert.

    De Haas erlebte die zunehmenden Verfolgungen der Juden durch die Nationalsozialisten aus nächster Nähe, darunter den Boykott jüdischer Geschäfte und Betriebe Anfang April 1933. Der Tod von Philipp de Haas ersparte ihm weitere Repressionen. Er starb am 16. April 1935 im Alter von 51 Jahren während eines chirurgischen Eingriffs in Oldenburg.

    Während seiner Amtszeit als Landesrabbiner wohnte Philipp de Haas mit seiner Familie in der Moltkestraße 6a in Oldenburg. Er war mit Anny, geborene Markhof (1889 in Dortmund), verheiratet. Das Ehepaar hatte drei Kinder. Anny de Haas gelang es im Jahr 1939, Deutschland zu verlassen. Zwei ihrer Kinder – ein Sohn und eine Tochter – konnten im selben Jahr nach Rhodesien emigrieren. Ihre Tochter Mirjam heiratete 1936 den Nachfolger ihres Vaters im Amt des Landesrabbiners, Dr. Leo Trepp. Mit ihm emigrierte sie 1938 zunächst nach England und später in die USA.

    Das Haus in Oldenburg in der Moltkestraße 6a, in dem die Familie de Haas lebte, ©Michael Schilling
    Rabbiner Leo Trepp in jungen Jahren, Oldenburg, Schlosspark ©https://leotrepp.org/de/biographie/ausbildung-und-studium

    Der Nachruf auf den Tod des Landesrabbiners Dr. Philipp de Haas erschien am 2. Mai 1935 in der Zeitschrift Der Israelit. Das Dokument zeigt eindrucksvoll, wie hoch er von den Menschen geschätzt wurde, welchen Schmerz sein Tod auslöste und welche Leere er hinterließ. Zu den bemerkenswertesten Passagen dieses Nachrufs gehört folgende: „Allen ist es unfassbar, dass uns der Führer durch Gottes unerforschlichen Ratschluss so schnell entrissen werden konnte. Waisen wurden wir und es gibt keinen Vater mehr. Es fehlt der Lehrer der Religion, der durch sein belehrendes Wort allsabbatlich und festtäglich die Herzen höherschlagen ließ; es fehlt der Freund und Berater, an den sich die Vielen, welche sich in Not und Bedrängnis befinden, wenden können.“

    Die Abschiedsfeier für Rabbiner Philipp de Haas fand am 12. Mai 1935 statt. Sie begann in der Synagoge in der Peterstraße und endete mit der Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof in der Dedestraße in Oldenburg. All dies wurde in der Zeitschrift „Der Israelit“ ausführlich beschrieben. An der Trauerfeier nahmen Vertreter aller größeren jüdischen Gemeinden Nordwestdeutschlands teil, sodass nicht alle, die teilnehmen wollten, in die Synagoge gelangen konnten. Die Trauerreden hielten Landesrabbiner Dr. Blum aus Emden, Rabbiner Dr. Aber aus Bremen, der Vorsitzende des Landesgemeinderats, Dr. Löwenstein, sowie weitere offizielle Vertreter.

    Die Grabsteinsetzung auf dem Grab von de Haas erfolgte gemäß jüdischer Tradition im Jahr 1936, also ein Jahr nach seinem Tod. Da die örtlichen Behörden sich bereits in finanziellen Schwierigkeiten befanden, übernahm der Preußische Landesverband der jüdischen Gemeinden die Kosten für die Anfertigung des Grabsteins. Darüber wurde in der lokalen Presse berichtet:   „Unter großer Beteiligung der Stadt und des Landrabbinatsbezirkes Oldenburg, besonders der Lehrer der benachbarten Gemeinden, erfolgte am 3. Mai die Grabsteinsetzung des verstorbenen Landesrabb. Dr. Philipp de Haas. In der Friedhofshalle sprachen Rechtsanwalt Löwenstein-Oldenburg für die Landesgemeinde, der Nachfolger des Verewigten, Herr Landesrabb. Herbst und Herr Landesrabb. Dr. Blum-Emden. Die Reden, die ein wahres Bild des Verstorbenen zeichneten, waren umrahmt von hebr. Gesängen des Herrn Lehrer Hartog, Wilhelmshaven-Jever. Nachdem Herr Dr. Blum die Enthüllung des Steines vorgenommen hatte, beschloß Herr Rabb. Dr. Aber mit Mischna-Lernen und tiefempfundenen Trostworten für die Familienangehörigen die eindrucksvolle Gedenkfeier.“

    Wie durch ein Wunder blieb der Alte Jüdische Friedhof in der Dedestraße in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft erhalten und nahezu alle Grabstätten blieben unversehrt. Auch das Grab des Landesrabbiners Philipp de Haas ist erhalten geblieben. In den vergangenen Jahren wurde der Friedhof von der Jüdischen Gemeinde Oldenburg gepflegt.

    *****

    Die Bewohner des heutigen Oldenburgs ehren das Andenken ihres „Landsmanns“: Eine der Straßen im Stadtteil Etzhorn, unweit der Adolf-de-Beer-Straße, trägt den Namen des Rabbiners der jüdischen Gemeinde vor dem Krieg – die Philipp-de-Haas-Straße. Die Straße erinnert an den ehemaligen Landesrabbiner und seine bedeutende Rolle für die Entwicklung des jüdischen Lebens in Oldenburg und der Region.

    Autor: Yakub Zair-Bek
    Fotografien aus dem Archiv des Autors und aus frei zugänglichen Quellen

    image_pdfPDF-Ansichtimage_printDruckansicht