Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 13. Abraham Gasse

Abraham Gasse, Oldenburg, heutige Aufname: © Timur Zair-Bek

In den vorangegangenen Kapiteln dieser Essayreihe über jüdische Namen auf der Karte Oldenburgs habe ich unseren Lesern bereits zwölf herausragende Persönlichkeiten jüdischer Herkunft vorgestellt, die in dieser niedersächsischen Stadt Straßen und Plätzen ihren Namen gegeben haben. In diesem, dem dreizehnten und zugleich letzten Kapitel, werde ich von einer Straße, genauer gesagt einer Gasse, mit einem ungewöhnlichen Namen berichten und ihre Geschichte erzählen.

Mitten im Zentrum von Oldenburg, zwischen Gaststraße und Wallstraße, befindet sich eine schmale Gasse. Sie trägt den ungewöhnlichen Namen „Abraham“. Wie historische Dokumente belegen, wurde sie bereits im 17. Jahrhundert so benannt. Über 300 Jahre lang blieb es dabei, bis die Nationalsozialisten sie in „Winkelgang“ umbenannten.

Straßenschild «Abraham»

Die Abraham-Gasse wurde nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, nach dem biblischen Propheten Abraham benannt. Die Herkunft dieses Namens ist recht interessant: Er taucht erstmals im Jahr 1626 in einem Dokument auf, in dem ein Mann namens Abraham Arondeus an diesem Ort wohnt. Historiker gehen davon aus, dass die Gasse nach ihm benannt wurde. Direkte dokumentarische Beweise für eine jüdische Herkunft oder einen jüdischen Glauben von Arondeus wurden jedoch nicht gefunden. Doch der Nachname und die Form des Vornamens klangen „jüdisch“, was eine Rolle spielte. Im Jahr 1942 benannten die Nationalsozialisten den Namen wegen seines „jüdischen Klangs“ von „Abraham“ in „Winkelgang“ um. Dies war Teil der nationalsozialistischen Kampagne zur „Säuberung“ städtischer Ortsnamen von „jüdischen“ Namen, die auf einem Erlass des Reichsinnenministeriums aus dem Jahr 1938 beruhte. Dieser Erlass schrieb die Umbenennung von Straßen mit „jüdischen” Namen vor.

Ein Ausschnitt aus der NWZ-Zeitung mit einem Foto, das den Namen „Winkelgang“ zeigt. Foto: © NWZonline

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der ursprüngliche Name der Gasse lange Zeit nicht wiederhergestellt, sodass sie fast 60 Jahre lang einen „neutralen” Namen trug. Ende der 1990er Jahre wurde dank bürgerschaftlichen Engagements eine Initiative ins Leben gerufen, um der Gasse ihren ursprünglichen Namen zurückzugeben. Es wurde eine Unterschriftensammlung für eine Petition organisiert, die die Stadtverwaltung aufforderte, dieser Frage positiv zu entscheiden. „Es war ein langer und nicht einfacher Prozess“, erzählt Jendrik Punke, Mitglied des „Teams“ des Vereins Werkstattfilm e. V., der sich mit regionalen Film- und Medienprojekten befasst. Unter der Leitung des Enthusiasten Farschid Ali Zahedi, dem Vorsitzenden von Werkstattfilm und Journalist, hat dieser Verein viel für die Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit getan und insbesondere die „dunklen Seiten der Geschichte Oldenburgs” während der „Arisierung” jüdischen Eigentums durch die Nationalsozialisten aufgedeckt. Für dieses und viele andere erfolgreich umgesetzte Projekte wurde Farschid Ali Zahedi vom Bundespräsidenten mit dem Orden „Für Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland” ausgezeichnet.

Der Verein Werkstattfilm hat sich sehr dafür eingesetzt, der Abraham-Gasse ihren ursprünglichen Namen zurückzugeben – mit Erfolg. Dank des einstimmigen Beschlusses des Oldenburger Stadtrats, der in seiner Sitzung am 19. September 2000 die Umbenennung genehmigte, trägt die Gasse seit dem 1. Januar 2001 wieder ihren historischen Namen. Diese Geschichte hat eine interessante Fortsetzung.

Farshid Ali Zahedi © Foto aus dem Archiv des Autors

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht Farshid Ali Zahedi den Verdienstorden, Berlin, 2018. Foto: ©NWZonline

Hinweisschild an der Ecke Gaststraße/Abraham, 2018. Foto: © Oldenburger Mediaarchiv

Der 15-jährige Marcel Marx, Schüler der 9. Klasse der IGS Kreyenbrück, hatte bisher kein besonderes Interesse an Geschichte gezeigt. Doch nach einer von Jendrik Punke vom Verein Werkstattfilm geleiteten Exkursion zum Thema „Jüdisches Leben in Oldenburg” wuchs sein Interesse an diesem Thema. An dieser Exkursion, die im Rahmen einer Projektwoche zur Geschichte des Nationalsozialismus in Oldenburg stattfand, nahm seine gesamte Klasse teil. Doch nur Marcel Marx nahm sich die Geschichte der Abraham-Gasse besonders zu Herzen. Er nahm Kontakt zu Werkstattfilm auf und besprach mit den Mitarbeitern die Idee, an einem der Gebäude in der Gasse eine Informationstafel anzubringen. Es wurden Schreiben mit einer Begründung an die zuständigen Behörden vorbereitet und Kontakte zu verschiedenen politischen Gruppen geknüpft. Der Schüler wurde bald zu einem regelmäßigen Besucher bei Werkstattfilm und kam fast jede Woche vorbei, um die neuesten Entwicklungen zu besprechen. Und dann ging alles sehr schnell.

Jendrik Punke und Marcel Marx an dem Hinweisschild in der Abraham Gasse, 2018. © NWZonline

Zunächst führte das Oldenburger Kulturamt eine eigene Untersuchung durch, woraufhin der Kulturausschuss der Anbringung einer Informationstafel zustimmte. Die 60 x 80 cm große Tafel wurde Ende 2018 im Stadtzentrum an der Ecke Abraham- und Gaststraße, an der Hauswand des Hauses Gaststraße 28, unterhalb des Straßenschilds mit dem Namen der Gasse – „Abraham“ – angebracht. Die Inschrift auf der Tafel beleuchtet eine Episode der nationalsozialistischen Vergangenheit Oldenburgs. Der Text erzählt von der Geschichte des Straßennamens, seiner Zwangsumbenennung unter den Nationalsozialisten und der Entscheidung, den ursprünglichen Namen wiederherzustellen.

Das im Dezember 2018 aufgenommene Foto aus dem Oldenburger Medienarchiv zeigt das teilweise mit dunklen Granitplatten verkleidete Gebäude an der Ecke Gaststraße/Abraham mit einer Informationstafel.

Die Geschichte des Namens „Abraham” ist ein seltenes Beispiel dafür, wie ein Ortsname, der nicht unbedingt mit der jüdischen Herkunft einer Person in Verbindung stand, von den Nationalsozialisten dennoch als „jüdisch” wahrgenommen und ausgelöscht wurde. Seine Wiederherstellung im Jahr 2001 war ein symbolischer Akt, um das historische Gedächtnis zu bewahren und die Vielfalt der Stadtgeschichte zu ehren.

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Bis vor kurzem befand sich die Informationstafel noch an ihrem Platz an der Ecke Gaststraße/Abraham-Gasse. Als unser Fotokorrespondent vor Ort war, um neue Fotos zu machen, stellte er fest, dass die Tafel fehlte und die Verkleidungsplatten mit Graffiti beschmiert waren. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Artikel bereits zur Veröffentlichung vorbereitet. Dies löste bei der Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg Besorgnis aus, da sich der Vorfall an einem Ort ereignete, der an die historisch bedeutsame Verbindung der Juden zur Stadt erinnert. In diesem Zusammenhang konnte die Möglichkeit von antisemitischem Vandalismus nicht ausgeschlossen werden. Laut Farshid Ali Zahedi, dem Leiter des Vereins Werkstattfilm, der sich stark für die Wiederherstellung des historischen Gedächtnisses in der Stadt engagiert hat, lag jedoch kein antisemitisches Motiv vor. Es handelte sich um „alltäglichen” Vandalismus. Die beschädigte Informationstafel wurde vorübergehend entfernt. Es ist vorgesehen, die Eckpartie des Gebäudes zu sanieren und eine neue Tafel anzubringen. Die Finanzierung dieser Sanierung ist jedoch noch nicht geklärt.

Die Kreuzung Gaststraße/Abraham mit dem „verschwundenen“ Hinweisschild, März 2026. Foto: © Timur Zair-Bek

Autor: Yakub Zair-Bek
Die Fotos stammen aus den Archiven des Autors und von Timur Zair-Bek sowie aus frei zugänglichen Quellen




Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 12. Der Politiker und Unternehmer Franz Reyersbach

Der Unternehmer und Politiker Franz Reyersbach (1880–1936) ©Wikimedia Commons

In dem vorherigen Kapitel dieser Essayreihe über jüdische Namen auf der Karte Oldenburgs habe ich unseren Lesern von dem Unternehmer und Kommunalpolitiker Leon Bukofzer berichtet. Er kam durch die Nationalsozialisten im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben und eine Straße in Oldenburg ist nach ihm benannt. In diesem Kapitel möchte ich von einem Mann erzählen, der vermutlich zu den ersten Opfern der Nationalsozialisten in Oldenburg gehörte: dem Unternehmer und Politiker Franz Reyersbach. Dabei geht es natürlich auch um die nach ihm benannte Straße sowie um die zu seinen Ehren errichteten Gedenkstätten.

Moses Levi Reyersbach gründete im Jahr 1880 in Oldenburg die Großhandelsfirma „M. L. Reyersbach“. Das Unternehmen befasste sich neben dem Großhandel auch mit der Herstellung von Musikinstrumenten und später von Fahrrädern. Letztere wurden zu einem festen Bestandteil des Oldenburger Stadtbildes. Das Unternehmen hatte seinen Sitz in der Straße Damm 4 und ging 1923 in den Besitz der Enkel von Moses Reyersbach, der Brüder Paul und Franz Reyersbach, über. Diese wandelten es in die Aktiengesellschaft „M. L. Reyersbach AG, Handlung und Fabrikation von Fahrrädern und Musikinstrumenten“ um. Dabei wurde Franz Reyersbach Mitinhaber und Vorstandsvorsitzender.

Franz wurde am 12. Juli 1880 in Oldenburg geboren und besuchte das Alte Gymnasium Oldenburg. Uns ist es nicht gelungen, in öffentlich zugänglichen Quellen Informationen über seinen weiteren Lebenslauf, insbesondere über seine berufliche Ausbildung, zu finden. Bekannt ist lediglich, dass er im Januar 1903 von Gaggenau nach Oldenburg zog. Gaggenau liegt heute im Bundesland Baden-Württemberg. Er war mit Grete Weinberg verheiratet, die am 22. Juli 1883 in Hannover geboren wurde. Die Familie hatte drei Söhne, Ernst (geb. 24.09.1906), Fritz (geb. 29.05.1910) und Hans (geb. 17.11.1911), sowie eine Tochter, Lotte (geb. 26.05.1923). Sie wohnten in der Beethovenstraße 17 im Oldenburger Stadtteil Osternburg.

Altes Gymnasium Oldenburg, altes Foto. Quelle: © https://altesgymnasium.de

Theodor Tantzen (1877 – 1947) ©gettyimages

Franz Reyersbach wird in verschiedenen Veröffentlichungen als Mitbegründer und aktiver Befürworter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in Oldenburg gewürdigt. Hervorgehoben werden zudem seine persönlichen Verbindungen zu einflussreichen Vertretern der liberalen Politik in der Region, insbesondere zu Theodor Tantzen, dem Ministerpräsidenten des Freistaats Oldenburg. Als einflussreiche politische Persönlichkeit innerhalb der DDP gehörte Reyersbach zu den ersten Kritikern der NSDAP.

Gleichzeitig führte Franz Reyersbach über Jahrzehnte hinweg erfolgreich das Familienunternehmen, das sich mit der Herstellung und dem Verkauf von Musikinstrumenten und Fahrrädern befasste, und baute es weiter aus. So wurde beispielsweise im Jahr 1928 eine Filiale der „M. L. Reyersbach AG” für den Fahrradverkauf in Düsseldorf an der Bankstraße 67 eröffnet. 1934 starb Paul, der ältere Bruder von Franz Reyersbach und Mitinhaber der Firma. Doch die Welle der „Arisierung“, die im Grunde eine Enteignung jüdischen Eigentums war, erreichte auch die Firma Reyersbach. Im Jahr 1936 wurde Franz Reyersbach aufgrund seiner „nicht-arischen Herkunft” die Leitung der Firma unmöglich gemacht.

Im Herbst desselben Jahres äußerte Franz Reyersbach bei einem Friseurbesuch in einem privaten Gespräch kritische Bemerkungen über die NSDAP und ihre Politik sowie über die Beteiligung Deutschlands am Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Franco-Anhänger. Er untermauerte seine Ansichten mit Argumenten aus einer BBC-Radiosendung, die er gehört hatte. Offenbar schrieb der Friseur eine Denunziation gegen ihn. Am 28. September 1936 kamen schließlich Gestapo-Beamte mit einem Haftbefehl wegen „kommunistischer Umtriebe“ zu Reyersbach nach Hause. Dieser Vorwand war für das Jahr 1936 typisch: Politisch unbequemen Personen – darunter Liberale, Sozialdemokraten, Gewerkschaftsaktivisten sowie Menschen jüdischer Herkunft – wurde nicht selten das Etikett „Kommunist“ angeheftet. Reyersbach wurde verhaftet und verbrachte drei Wochen „unter staatlichem Schutz“ im Oldenburger Gefängnis. Am 20. Oktober 1936 wurde er jedoch nicht freigelassen, sondern in das Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen deportiert.

Er wurde von Lagerwachen zu Tode geprügelt und starb am 14. Dezember 1936. Dank einer jüdischen Menschenrechtsorganisation in der Schweiz erlangte sein Fall internationale Aufmerksamkeit. Franz Reyersbach gehörte zu den Personen, die die liberal-demokratische Tradition in Oldenburg prägten. Sein Tod im Jahr 1936 war eines der ersten Anzeichen dafür, wie schnell die nationalsozialistische Herrschaft von Entlassungen, Ausgrenzungen und Repressionen zur physischen Vernichtung überging. Er war eines der ersten jüdischen Opfer des nationalsozialistischen Terrors in Oldenburg.

Im Jahr 1938 wurde die Firma „M. L. Reyersbach, Fahrrad-Großhandlung“ „arisiert“ und an die Firma „Schwecke, Meyer & Detmers“ übergeben. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 1970er Jahren, wurde das Firmengebäude im Zuge der Neugestaltung der Straße Damm abgerissen.

Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen ©Wikimedia Commons

Franz’ Ehefrau Grete Reyersbach zog 1936 von Oldenburg nach Hannover. Von dort wurde sie am 15. Dezember 1942 in das Ghetto von Riga deportiert und dort ermordet. Das genaue Datum ihres Todes ist unbekannt. Franz’ ältester Sohn, Dr. Ernst Reyersbach, besuchte wie sein Vater das Alte Gymnasium in Oldenburg. 1933 wurde er aus der Oldenburger Justiz entlassen, bei der er sein Referendariat absolviert hatte. Im Jahr 1938 gelang ihm die Emigration in die USA. Auch die jüngeren Söhne von Franz Reyersbach, Fritz und Hans, sowie seine Tochter Lotte, überlebten den Holocaust.

Franz-Reyersbach-Straße, Oldenburg, aktuelle Aufnahme © Timur Zair-Bek

Franz-Reyersbach-Straße, Oldenburg, aktuelle Aufnahme © Timur Zair-Bek

Straßenschild mit dem Namen Franz Reyersbach, Oldenburg, aktuelle Aufnahme © Timur Zair-Bek

Franz-Reyersbach-Straße, Oldenburg, aktuelle Aufnahme © Timur Zair-Bek

Ausschnitt aus der Zeitung NWZ, 1985 © Foto aus dem Archiv des Autors

Die Oldenburger ehren das Andenken ihres Landsmanns Franz Reyersbach, der zu den ersten Opfern des nationalsozialistischen Terrors gehörte. Sein Name ist in der städtischen Toponymie verewigt. So wurde die Franz-Reyersbach-Straße im Stadtteil Kreyenbrück nach ihm benannt. Die Benennung der Straße erfolgte im Jahr 1985. Ich möchte darauf hinweisen, dass zu der Veranstaltung, bei der das Andenken an Franz Reyersbach durch die Benennung der Straße gewürdigt wurde, seine in den USA lebende Verwandte Gertrud Reyersbach angereist war. Sie hatte den Kontakt zu ihrer Heimatstadt Oldenburg aufrechterhalten. Über diese Veranstaltung und die Geschichte rund um das Leben und den Tod von Franz Reyersbach wurde ein Artikel in der NWZ veröffentlicht.

Vor der Aula des Alten Gymnasiums in Oldenburg am Theaterwall 11 wurde eine ungewöhnliche Gedenktafel zum Gedenken an ehemalige Schüler des Gymnasiums, die Opfer der Nationalsozialisten wurden, angebracht. Die im November 2001 enthüllte Tafel trägt die Inschrift „Die ermordeten jüdischen Schüler dieses Gymnasiums“ und nennt sechs Namen, darunter auch den von Franz Reyersbach. Das Design der Gedenktafel stammt vom Kunstlehrer Heinz Gode.

Gedenktafel zum Gedenken an ehemalige Schüler des Alten Gymnasiums Oldenburg ©Wikimedia Commons

„Der Stolperstein“ zu Ehren von Franz Reyersbach, Oldenburg ©Wikimedia Commons

„Der Stolperstein“ zu Ehren von Grete Reiersbach, Oldenburg ©Wikimedia Commons

Wie ich bereits in Kapitel 11 berichtet habe, sprach sich die jüdische Gemeinde Oldenburg gegen die Verlegung von „Stolpersteinen” in der Stadt aus, um der ehemaligen jüdischen Einwohner zu gedenken. Die Stadtverwaltung respektierte diese Haltung. Dennoch wurden im Jahr 2011 von Privatpersonen zwei „Stolpersteine” vor dem Haus Beethovenstraße 17 gesetzt, in dem Franz und Grete Reyersbach gewohnt hatten. Diese Steine sind keine Nachbildungen und ähneln nur in gewissem Maße den „Stolpersteinen”, die vom Kölner Künstler Günter Demnig in ganz Deutschland und darüber hinaus gesetzt werden.

Am 7. Dezember 2022 weihten die Oldenburger Bürgerstiftung und der Verein Werkstattfilm ein Denkmal zu Ehren von Franz Reyersbach ein. Diese Gedenkstätte ist als „Erinnerungszeichen“ gestaltet: ein einzelnes „Gedenksymbol“ in Form einer Stele, das an dem Haus aufgestellt wird, in dem eine Person, die Opfer des Nationalsozialismus wurde, gearbeitet oder gewohnt hat. Für Franz Reyersbach wurde das Haus Nr. 4 in der Straße Damm als Standort gewählt. An dieser Stelle befand sich das ehemalige Fahrrad- und Musikinstrumentengeschäft, das Franz Reyersbach jahrzehntelang erfolgreich geführt und von seinem Großvater geerbt hatte.



Damm 4, Oldenburg. © Google Street View

„Erinnerungszeichen“ zu Ehren von Franz Reyersbach in der Damm 4, Oldenburg. Foto: © https://oldenburger-buergerstiftung.de/erinnerungszeichen
 

So haben die Stadt Oldenburg, das Alte Gymnasium Oldenburg sowie Privatpersonen das Andenken an den erfolgreichen Unternehmer und liberalen Politiker Franz Reyersbach bewahrt. Er war eines der ersten Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Oldenburg.

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Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors und aus frei zugänglichen Quellen




Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 11. Unternehmer und Politiker Leon Bukofzer

Unternehmer und Politiker Leon Bukofzer (1876 – 1944) ©Wikimedia Commons

In den vorherigen Kapiteln dieser Essayreihe über jüdische Namen auf der Karte Oldenburgs habe ich unseren Lesern von zwei Opfern des Nationalsozialismus erzählt, nach denen Straßen in dieser niedersächsischen Stadt benannt sind: dem Pädagogen, Schriftsteller und Arzt Janusz Korczak sowie dem Mädchen Anne Frank aus Amsterdam, die während des Holocausts ums Leben kamen. In diesem und im nächsten Kapitel werde ich über die ersten Oldenburger Juden berichten, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Kapitel 11 ist dem Oldenburger Unternehmer und Politiker Leon Bukofzer gewidmet. Dabei geht es natürlich auch um die nach ihm benannte Straße.

Leon Bukofzer wurde am 10. Dezember 1876 in Berlin geboren. In verschiedenen Quellen findet man unterschiedliche Schreibweisen seines Namens: Leon, Lion oder Louis Lion Bukofzer. Leider gibt es in öffentlichen Quellen kaum Informationen über seine Kindheit, Jugend und Ausbildung. Es existieren auch keine Familienfotos, auf denen er mit seinen Kindern zu sehen ist, abgesehen von einem, auf dem er mit seiner Frau Elli abgebildet ist.

Lion Bukofzer und seine Ehefrau Elli ©Wikimedia Commons

Achternstraße und Langestraße, Oldenburg, alte Postkarte, © Aus dem Archiv des Autors

Achternstraße in Oldenburg, aktuelle Aufnahme, Foto: © Yakub Zair-Bek

Im Jahr 1904 zog Leon nach Oldenburg, heiratete Elli Schulmann, die Tochter des Inhabers des Herrenbekleidungsgeschäfts „M. Schulmann” in der Achternstraße 38, und übernahm später die Leitung des Geschäfts. Die Familie lebte im selben Haus. Sie hatten zwei Kinder: eine Tochter namens Ilse, geboren am 12. Oktober 1907, und einen Sohn namens Manfred, geboren am 27. März 1910.

Leon Bukofzer war von 1912 bis 1930 Mitglied des Oldenburger Stadtrats für die liberal orientierte Deutsche Demokratische Partei (DDP). Damit war er mehr als 18 Jahre lang Stadtrat – vom Deutschen Reich bis kurz vor dem Ende der Weimarer Republik. Angesichts der Tatsache, dass dies eine sehr turbulente Zeit in der deutschen Geschichte war, spiegelt dies das hohe Maß an Vertrauen wider, das ihm ein Teil der städtischen Wählerschaft entgegenbrachte. Zudem ist es ein Indikator dafür, welche Rolle jüdische Bürger in dieser Zeit in der Wirtschaft und im öffentlichen Leben Oldenburgs spielten.

Leons Frau Elli starb im Februar 1935, zu diesem Zeitpunkt waren die Kinder bereits erwachsen und führten ihr eigenes Leben. Sohn Manfred, der sein Leben der Musik gewidmet hatte, verließ Deutschland bereits 1933, kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Er lebte fortan in Basel in der Schweiz. Auch seine Tochter Ilse, verheiratete Strauß, verließ Oldenburg und ging in die USA. Nach dem Tod seiner geliebten Frau und dem Weggang seiner Kinder verband Leon fast nichts mehr mit Oldenburg, sodass er schließlich im Mai 1935 nach Berlin zog.

Da das NS-Regime zu dieser Zeit aktiv eine Politik der „Arisierung“ jüdischen Eigentums betrieb, kann man davon ausgehen, dass Leon Bukofzer sich dessen bewusst war, dass auch sein Geschäft in der Achternstraße früher oder später davon betroffen sein würde. Und genau das geschah auch – sehr bald. Bereits Anfang 1936 wurde das Familienunternehmen „arisiert“ und am 18. Januar 1936 erschien in der lokalen Zeitung eine entsprechende Anzeige der Firma „Muchelmann“: „Ich habe das seit 45 Jahren bestehende Herrenbekleidungsgeschäft ‚M. Schulmann, Oldenburg i. O. erworben und werde es als deutsches Unternehmen weiterführen.“

 

In Oldenburg gibt es noch heute die Achternstraße, in der sich das Haus mit der Nummer 38 erhalten geblieben ist. Natürlich wurde es in den letzten 90 Jahren mehrfach umgebaut, doch auch heute befindet sich darin ein Geschäft, wenn auch mit einem ganz anderen Profil.

Straßenschild «Achternstraße», Oldenburg, Foto: © Yakub Zair-Bek

Achternstraße 38, Oldenburg, heute, Foto © Yakub Zair-Bek

Eingang zum Konzentrationslager Theresienstadt ©Wikimedia Commons

Das Haupttor des Konzentrationslagers Auschwitz ©Wikimedia Commons

Leon Bukofzer lebte etwa sieben Jahre lang in Berlin. Danach verschärfte sich die Verfolgung durch die Nationalsozialisten drastisch. Am 10. Juli 1942 wurde er von Berlin aus nach Theresienstadt deportiert, einem Ghetto und Konzentrationslager auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik. Es war von den Nationalsozialisten als Durchgangslager für Juden konzipiert, die anschließend nach Auschwitz und in andere Konzentrationslager verschleppt wurden. Bukofzer verbrachte etwas mehr als zwei Jahre in Theresienstadt und wurde schließlich am 28. Oktober 1944 mit einem Transport nach Auschwitz gebracht. Auschwitz wurde auch als „Todeslager Auschwitz” bezeichnet. Bukofzer kam am 30. Oktober 1944 in Auschwitz an und wurde dort ermordet. Das genaue Datum seines Todes ist nicht bekannt.

Ilse Strauß-Kirschtein und ihr Sohn Manfred Bukofzer überlebten den Holocaust. Besonders interessant ist das Schicksal von Manfred Bukofzer, der in Wikipedia als amerikanischer Musikwissenschaftler beschrieben wird, der einen großen Beitrag zur Erforschung der Barockmusik geleistet hat. Er studierte an der Universität Heidelberg und am Sterns Konservatorium in Berlin. 1933 emigrierte er aus Deutschland in die Schweiz, genauer gesagt nach Basel. 1939 zog er in die USA, wo er ab 1941 an der University of California lehrte, bis er 1955 an einer schweren Blutkrankheit starb. Laut genealogischen Datenbanken lebte seine Schwester Ilse Kirstein (in zweiter Ehe) im Bundesstaat New York in den USA, wo sie am 7. Juli 1970 im Alter von 62 Jahren starb.

Musikwissenschaftler Manfred Bukofzer (1910 – 1955) ©Wikimedia Commons

In Oldenburg ist der Name Leon Bukofzer in der nach ihm benannten Leon-Bukofzer-Straße im Stadtteil Kreyenbrück verewigt. In Straßenverzeichnissen wird angegeben, dass die Straße nach Louis Leon Bukofzer (1876–1944) benannt ist. Es ist eine ruhige und grüne Straße, in der die Geschwindigkeit des Autoverkehrs auf 30 km/h begrenzt ist. Als würde sie symbolisieren, dass man beim Einbiegen in diese Straße, die zum Gedenken an ein unschuldiges Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung benannt wurde, die Geschwindigkeit verringern, vielleicht sogar anhalten, aussteigen, schweigend stehen bleiben, die Inschrift auf dem Straßenschild lesen und nachdenken sollte …

Leon-Bukofzer-Straße, Oldenburg, aktuelle Aufnahme © Timur Zair-Bek

Leon-Bukofzer-Straße, Oldenburg, aktuelle Aufnahme © Timur Zair-Bek

Leon-Bukofzer-Straße, Oldenburg, aktuelle Aufnahme © Timur Zair-Bek

Straßenschild mit dem Namen Leon Bukofzer, Oldenburg, aktuelle Aufnahme © Timur Zair-Bek

In Oldenburg gibt es einen besonderen Ansatz, um der Opfer des Nazi-Regimes zu gedenken. Dieser stellt eine Alternative zu dem bekannten Projekt „Stolpersteine” des Kölner Künstlers, Bildhauers und Graveurs Günther Demnig dar. Die Stolpersteine werden direkt auf den Gehwegen vor den Häusern angebracht, in denen die verfolgten Juden gelebt oder gearbeitet haben. Auf der Website des Alten Jüdischen Friedhofs Oldenburg wird darauf hingewiesen, dass die jüdische Gemeinde der Stadt gegen die „Stolpersteine” protestierte, da sie das Projekt als respektlos empfand und darin ein „Mit-Füßen-Treten der Namen der umgekommenen Juden sowie eine Verunreinigung der Gedenksteine” sah. Die Stadtverwaltung hat diese Position berücksichtigt.

Erinnerungszeichen L.Bukofzer in der Achternstraße 38, Oldenburg. Foto: © https://oldenburger-buergerstiftung.de/erinnerungszeichen

Seit 2021 wird in Oldenburg der Opfer des Nationalsozialismus gedacht, indem kleine Gedenktafeln zu Ehren der Frauen, Männer und Kinder angebracht werden, die während der nationalsozialistischen Diktatur aufgrund rassistischer und religiöser Verfolgung ums Leben kamen. Vorbild war ein Projekt, das in München entwickelt und umgesetzt wurde. Im Rahmen dessen wurden in der Stadt sogenannte „Erinnerungszeichen” in Augenhöhe an den Orten angebracht, an denen Juden lebten und arbeiteten, die während des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Diese Erinnerungszeichen gibt es in zwei Grundvarianten: als Zechen an der Fassade von Gebäuden oder an den Säulen bzw. Stelen im öffentlichen Raum. Sie enthalten die wichtigsten Daten aus dem Leben der Opfer, Informationen über ihr Schicksal sowie, sofern vorhanden, Fotos.

Auf ihrer Website berichtet die Oldenburger Bürgerstiftung über die Anbringung eines Erinnerungszeichens zu Ehren von Leon Bukofzer an der Fassade des Hauses Achternstraße 38, in dem er gearbeitet und gewohnt hat. Das ästhetisch ansprechende Zeichen bewahrt auf würdige Weise die Erinnerung an den Oldenburger Unternehmer und Stadtpolitiker.

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Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors und aus öffentlichen Quellen




Dornum und seine Synagoge

Fragment einer Wand im „Tal der Gemeinden“ (Valley of the Communities) der Gedenkstätte Yad Vashem mit den Namen ostfriesischer Gemeinden, Jerusalem. © commons.wikimedia

Betrachtet man eine Karte Norddeutschlands, so erkennt man im Nordseegebiet die Inselkette des Ostfriesischen Archipels und die küstennahen Landschaften Ostfrieslands. Das Gebiet liegt im Nordwesten Niedersachsens und grenzt im Westen an die Niederlande. Die Kette der Ostfriesischen Inseln erstreckt sich dabei von der Emsmündung bis zum Jadebusen. Seit dem 16. Jahrhundert ließen sich hier Juden nieder. Über Jahrhunderte fanden die Mitglieder jüdischer Gemeinden mit der lokalen Bevölkerung, den Friesen, eine gemeinsame Sprache, auch wenn diese Beziehungen nicht immer ungetrübt waren. Dennoch gab es in dieser Region bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten mehr als ein Dutzend kleiner jüdischer Gemeinden mit Synagogen, jüdischen Schulen und Friedhöfen. Auch diese Gegend blieb vom Holocaust nicht verschont. Auf einer der Steinwände des Yad-Vashem-Memorials im „Tal der Gemeinden“ (Valley of the Communities) sind die Namen Norden, Leer, Emden, Jever, Varel, Aurich … auf Hebräisch und Englisch eingemeißelt. Dies sind nur einige wenige ostfriesische Gemeinden von insgesamt mehr als 5.000, die die Nationalsozialisten während der Schoa, der Katastrophe des europäischen Judentums, vernichtet haben.

1. Der Hüter der Dornumer Synagoge 

Heute gibt es in Ostfriesland keine jüdische Gemeinde mehr, doch lokale Enthusiasten – Juden wie Nichtjuden – bewahren die Erinnerung an sie. In meinem Bericht geht es um eine dieser Gemeinden: die jüdische Gemeinde des kleinen Ortes Dornum mit insgesamt etwa 5.000 Einwohnern. In gewisser Weise ist diese Gemeinde eine Ausnahme von der „Regel“.

Die jüdische Gemeinde in Dornum existierte 300 Jahre lang, bis sie im März 1940 von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde. Im 17. Jahrhundert durften sich Juden hier erstmals seit dem Dreißigjährigen Krieg niederlassen, da Graf Rudolf Christian ihnen Privilegien und Schutz gewährt hatte. Von da an nahmen sie am lokalen Leben teil und waren Mitglieder verschiedener bürgerlicher Vereinigungen. Laut der Volkszählung von 1925 stellten die Juden 7,3 Prozent der Stadtbevölkerung von Dornum dar – der höchste Anteil in Ostfriesland. Nach 1933 wurden die Juden vor Ort verfolgt, doch nur ein Teil von ihnen konnte emigrieren.

Synagoge in Dornum, aktuelle Aufnahme. © Dornum

Gedenkzeichen auf dem Marktplatz, Dornum. © Dornum

Am 7. November 1938, also drei Tage vor der berüchtigten Reichspogromnacht, verkaufte Wilhelm Rose, der letzte Vorsteher der Gemeinde, das Synagogengebäude für 600 Reichsmark an seinen Nachbarn August Teßmer, der von Beruf Tischlermeister war. Teßmer nutzte das kleine Backsteingebäude später als Lager. Aufgrund der dichten Bebauung Dornums und weil das Gebäude inzwischen in deutschem Besitz war, blieb die ehemalige Synagoge von der Brandstiftung der Nationalsozialisten verschont. Sie wurde jedoch geplündert und zerstört: Die Fenster wurden eingeschlagen, die verbliebenen Möbel und die Inneneinrichtung hinausgetragen und auf dem Marktplatz verbrannt. An dieser Stelle befindet sich heute ein Gedenkzeichen in Form eines Davidsterns aus dekorativen Platten.

Die Folgen der nationalsozialistischen Pogrome, bei denen Synagogen zerstört und in Brand gesteckt wurden, sind auf der beigefügten Karte von Nordwestdeutschland verzeichnet. In dieser Region wurden Synagogen von den Nationalsozialisten niedergebrannt, zerstört oder geplündert. Dornum ist auf der Karte jedoch aus dem oben genannten Grund nicht als betroffene Gemeinde aufgeführt. Zum Zeitpunkt der Pogrome befand sich das Gebäude bereits in deutschem Besitz.

Während der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 verhafteten SA-Männer alle jüdischen Einwohner der Stadt und brachten sie ins benachbarte Norden, wo weitere Juden aus der Umgebung festgehalten wurden. Ältere Menschen, Frauen und Kinder wurden am Morgen des 10. November freigelassen, die Männer jedoch wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert und kehrten erst nach mehreren Wochen zurück. Kurz darauf versuchten die letzten Juden, soweit es möglich war, Dornum und Deutschland zu verlassen. Am 13. September 1939 lebten in Dornum nur noch acht Juden. Am 8. März 1940 erklärten die Nationalsozialisten den Ort schließlich als „judenfrei“.

Karte Nordwestdeutschlands mit den Folgen der nationalsozialistischen Pogrome. © NWZ

Während des Zweiten Weltkriegs befand sich in der Stadt ein Arbeitslager, in dem Kriegsgefangene und andere internierte Personen verschiedener Nationalitäten festgehalten wurden. Die Gefangenen wurden vor allem für Zwangsarbeiten in der Landwirtschaft auf Höfen in Nesse und Umgebung eingesetzt. Den verfügbaren Quellen zufolge befanden sich unter ihnen keine Juden. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Juden Dornums entweder emigrieren können oder waren bereits ermordet worden. Mehr als die Hälfte aller Juden, die 1933 in Dornum lebten, wurde während des Holocausts ermordet. Keiner der Juden, die die Katastrophe überlebten, kehrte nach dem Krieg nach Dornum zurück.

Gedenktafel am Synagogengebäude, Dornum. © Foto: Michail Bejlis

Davidstern am Tor der Synagoge, Dornum. © Foto: Michail Bejlis

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude der ehemaligen Synagoge jahrzehntelang als Möbellager und für andere gewerbliche Zwecke genutzt. Durch mehrere Umbauten wurde es stark verändert. Im Jahr 1989 gründete der Dornumer Georg Murra-Regner den Verein „Gedenkstätte Synagoge Dornum e. V.” und bewahrte das Gebäude somit vor dem Abriss. Keine zwei Jahre später, im Jahr 1991, wurde die Synagoge mit Mitteln der Denkmalpflege und des Dornumer Gemeinderats restauriert. Die Restaurierung stellte das ursprüngliche Erscheinungsbild des Gebäudes wieder her, auch wenn es heute nicht mehr für Gottesdienste genutzt wird. Seit 1992 ist die Synagoge eine Gedenkstätte, in der Exponate aus der Privatsammlung von Georg Murra-Regner ausgestellt sind. Er hat – größtenteils aus eigenen Mitteln – eine bemerkenswerte Sammlung jüdischer Artefakte zusammengetragen. Die Dornumer Synagoge ist heute ein Anziehungspunkt für Schulklassen, Studierende, Einheimische und Touristen. Der Verein verwaltet die Gedenkstätte und ist für thematische Ausstellungen und Führungen verantwortlich.

Der Vereinsvorsitzende Georg Murra-Regner ist ein Mensch mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte: Er ist initiativ, beharrlich und tatkräftig. Er wurde 1949 in Emden in Ostfriesland geboren. Sein langjähriges Engagement für die Erinnerung an jüdisches Leben in der Region ist mit seiner persönlichen Familiengeschichte und seinen jüdischen Wurzeln verbunden. Murra-Regner ist ein wahrer „Bewahrer“, der jahrzehntelang Spuren jüdischen Lebens in Ostfriesland gesichert hat – insbesondere durch die Erhaltung, Wiederherstellung und Öffnung der Synagoge in Dornum als Museum und Erinnerungsort.

Neben seiner Tätigkeit in der Synagoge kümmert sich Murra-Regner auch um den Erhalt und die Pflege des alten jüdischen Friedhofs in Dornum. Dieser befindet sich direkt neben der Synagoge und steht ebenfalls unter der Obhut des Vereins.

Verleihung des Verdienstordens an Georg Murra‑Regner (links: Bürgermeister Uwe Trännapp rechts: Olaf Meinen), Dornum 2023. © Foto: https://www.landkreis-aurich.de/
Georg Murra‑Regner bei seiner Dankesrede, Dornum 2023. © Foto: https://www.landkreis-aurich.de/

Murra-Regner hat darüber hinaus mehr als 30 Bücher, Broschüren und Artikel zur jüdischen Geschichte Ostfrieslands veröffentlicht, darunter auch zur Geschichte der Juden in Dornum. In seinem neuesten Werk Der Wiedergänger untersucht er die Beziehungen zwischen Juden und Christen bis zur Zeit des Nationalsozialismus. Murra-Regner genießt allgemeine Wertschätzung als bekannter und gut informierter Regionalhistoriker. Trotz seines Alters (2025 wurde er 76 Jahre alt) führt er selbst durch die Synagoge, sorgt für den jüdischen Friedhof und beteiligt sich persönlich an der Pflege der Erinnerungsorte. Bei seiner Arbeit wird er von Familienmitgliedern, insbesondere seiner Frau Margitta Regner, sowie von Ehrenamtlichen unterstützt.

Im Jahr 2023 ereignete sich ein bemerkenswertes Ereignis im Leben von Georg Murra-Regner – und auch für Dornum insgesamt: Für sein langjähriges Engagement gegen Antisemitismus und seinen Beitrag zur Bewahrung historischen Erinnerns wurde er vom deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Die Auszeichnung wurde ihm im Rahmen einer feierlichen Zeremonie überreicht, an der unter anderem Dornums Bürgermeister Uwe Trännapp und der Landrat des Landkreises Aurich, Olaf Meinen, teilnahmen. In seiner Rede betonte Landrat Olaf Meinen: „Mit Ihrer Arbeit in der Gedenkstätte bewahren Sie nicht nur die Erinnerung, sondern mahnen uns auch an ein dunkles Kapitel unserer Geschichte …“ Bürgermeister Uwe Trännapp hob seinerseits hervor, die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes sei ein besonderes Ereignis und eine verdiente Würdigung des Lebenswerks von Georg Murra-Regner. In seiner Dankesrede sagte Georg Murra-Regner, er verstehe seine Lebensaufgabe als Fortsetzung des Einsatzes zur Stärkung der Demokratie gegen Antisemitismus.

2. Die Dornumer Synagoge und Tu biSchwat

Eine Gruppe von Mitgliedern und Freunden der Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg (LJGO) begab sich auf die Suche nach den Spuren der ehemaligen jüdischen Gemeinde Dornums. Am Sonntag, dem 1. Februar 2026, dem Vorabend des jüdischen Festes Tu biSchwat, fuhren wir nach Dornum. Das Wetter war hervorragend: leichter Frost, windstill und trocken. Die Reste des starken Schneefalls der letzten Tage waren fast verschwunden. Bequem in einem kleinen, aber komfortablen Bus sitzend, verließen wir Oldenburg und machten uns auf den Weg zu unserem Ziel, das nur etwa eine Stunde Fahrt entfernt lag – überwiegend über die Autobahn. Auf dem Programm standen die Besichtigung des legendären Synagogenmuseums in Dornum, die Feier von Tu biSchwat und das erste Treffen mit Rabbinerin Alisa Bach, mit der kürzlich ein Vertrag über ihre Tätigkeit in der LJGO geschlossen worden war.

Die Zeit verging bei Gesprächen und dem Austausch von Neuigkeiten schnell, und schon fuhr der Bus auf den Parkplatz in Dornum. Von dort aus waren es nur etwa 50 Meter bis zur Synagoge. Vor dem Eingang des kleinen Backsteingebäudes standen zwei Personen: ein stattlicher älterer Mann mit grauem Bart und grauen Haaren sowie eine schlicht gekleidete Frau mit dunklen Haaren. Es waren Georg Murra-Regner, der Vorsitzende des Vereins „Gedenkstätte Synagoge Dornum e. V.“, und seine Frau Margitta Regner. Sie begrüßten uns freundlich. Sie luden alle ein, in die Synagoge einzutreten.

Bevor wir das Museum jedoch gemeinsam mit der Gruppe betreten, möchte ich die Leser:innen auf einen Umstand hinweisen. In letzter Zeit haben sich Drohungen gegen Juden gehäuft und die Zahl antisemitisch motivierter Straftaten ist gestiegen. Deshalb müssen praktisch alle jüdischen Veranstaltungen polizeilich geschützt werden. Auch die Veranstaltung in Dornum war keine Ausnahme. Die Organisatoren der Fahrt wandten sich mit der Bitte um Unterstützung an die Polizei in Norden, zu deren Zuständigkeitsbereich Dornum gehört. Die Polizei nahm dieses Anliegen sehr ernst und organisierte einen umfassenden Schutz: Polizeihauptkommissar Thorsten Frielinghaus war während der gesamten Veranstaltung persönlich bei der Oldenburger Gruppe anwesend. Und das war noch nicht alles. Bürgermeister Uwe Trännapp erfuhr, dass eine Gruppe aus Oldenburg in den Ort kommt, und schloss sich – obwohl es ein Sonntag war – aus Respekt vor Georg Murra-Regner den Teilnehmern an.

In der Synagoge – ganz rechts Bürgermeister Uwe Trännapp; vierter von rechts Polizeihauptkommissar Thorsten Frielinghaus. © Foto: Michail Bejlis

Georg Murra‑Regner führt durch die Synagoge. © Foto: Michail Bejlis

Wir betreten die Synagoge und beginnen, uns die Ausstattung anzusehen. Was wir sahen, ließ niemanden gleichgültig. An den Wänden, in Regalen, auf Böden, Tischen, Fensterbänken und an der Decke waren Dutzende, wenn nicht Hunderte jüdischer Artefakte zu sehen: eine 300 Jahre alte Torarolle, Esterrollen, Geschirr, Menorot, Chanukkiot, rituelle Gegenstände, alte Bücher – darunter handschriftliche –, Fotos und Originaldokumente. All diese Stücke waren Originale, keine späteren Fälschungen. Nachdem die Besucher einen Moment Zeit hatten, sich umzusehen und von dieser Fülle an „Altertümern” zu erholen, begann Georg Murra-Regner, der „Hausherr” dieses Reichtums, seinen äußerst spannenden Bericht.

Er erzählte, wie er über mehrere Jahrzehnte hinweg diese Exponate Stück für Stück zusammengetragen hat, um sie den Gästen des Synagogenmuseums nun großzügigerweise zugänglich zu machen. Diese können nun die bemerkenswerte Ausstellung sehen. Aus seiner Erzählung wird deutlich, dass er einen bedeutenden Beitrag zur Bewahrung der Erinnerung an die Vergangenheit geleistet hat und sich in herausragender Weise um die Bildungsarbeit verdient gemacht hat. Seine Methoden beruhen nicht auf der Suche nach Schuldigen, sondern auf Verstehen und Versöhnung. Während der Führung wies er darauf hin, dass sich in Dornum die einzige ostfriesische Synagoge befindet, die den Zweiten Weltkrieg überstanden hat – eine von ehemals zwölf Synagogen in der Region. Darin liegt zweifellos ein großes Verdienst dieses engagierten Menschen.

Einige Exponate des Synagogenmuseums. © Foto: Michail Bejlis

Ich bemerkte, mit welchem Interesse nicht nur die Gäste aus Oldenburg, sondern auch die „Landsleute“ des Museumsleiters, Bürgermeister Uwe Trännapp und Polizeihauptkommissar Frielinghaus, den Ausführungen lauschten. Sie waren ohne Zweifel nicht zum ersten Mal in dieser Synagoge, dennoch ließ der emotionale und temperamentvolle Vortrag des Historikers, Sammlers und Archivars Murra-Regner auch sie nicht unberührt.

Nachdem wir die Synagoge verlassen hatten, bedankten wir uns bei Georg und seiner Frau Margitta. Dann stellten wir uns entlang des Gebäudes für ein Erinnerungsfoto auf. Anschließend gingen wir zum alten jüdischen Friedhof, der sich direkt neben dem Museum befindet. Wie wir erfuhren, wurden dort in den letzten Jahren etwa 50 Gräber wiederhergestellt – auch das ist ein Verdienst von Georg Murra-Regner und den Ehrenamtlichen seines Vereins. Als wir das Friedhofstor erreichten, sahen wir, dass der jüngste starke Schneefall die Gräber zwar stark bedeckt hatte, der Friedhof aber in einem ordentlichen Zustand gehalten wird. Nach der Besichtigung sprachen wir gemeinsam mit Rabbinerin Alisa Bach das Kaddisch nach jüdischem Brauch.

Gemeinsames Erinnerungsfoto. © Foto: Michail Bejlis

Alter jüdischer Friedhof, Dornum. © Foto: Michail Bejlis

Kaddisch – ganz links Rabbinerin Alisa Bach. © Foto: Michail Bejlis

Gerne möchte ich den Lesern Rabbinerin Alisa Bach vorstellen, die wir auf unserer Reise nach Dornum kennengelernt haben. Sie wurde 1950 in Tel Aviv, Israel, geboren. Als Kind zog sie mit ihren Eltern nach Deutschland, wo sie aufwuchs und eine sehr gute Ausbildung erhielt. Sie ist Sozialwissenschaftlerin und Juristin. Viele Jahre lang war sie Leiterin eines großen Jugendamtes. Sie war eine der Mitgründerinnen der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover und wirkte aktiv an deren Entwicklung mit. Seit 2012 leitet Alisa Bach die Jüdische Bibliothek Hannover und ist in der Bildungsarbeit tätig. Im Jahr 2022 erwarb sie den Masterabschluss in Jüdischer Theologie an der Universität Potsdam. Anschließend absolvierte sie die rabbinische Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam und wurde am 6. November 2025 in der Synagoge Rykestraße in Berlin zur Rabbinerin ordiniert (Smicha). Sie ist außerdem Autorin eines Buches über die Autorität der Halacha im Reformjudentum.

Nach dem Besuch des jüdischen Friedhofs gingen wir ins Café „Alte Backstube“, um Tu biSchwat zu feiern. Dieses Fest wird am 15. Tag des jüdischen Monats Schwat begangen und auch „Neujahr der Bäume“ genannt. Die „Alte Backstube“ ist ein gemütliches, historisches Café mit kleinen Gasträumen. Es ist bekannt für Gebäck und Obsttorten – genau das Richtige für einen „Tu-bi-Schwat-Seder“, ein festliches Mahl mit Früchten und Wein. Wir setzten uns an bequeme Tische. In kleinen Schalen standen Trockenfrüchte (Datteln, Feigen, Aprikosen, Rosinen usw.) und Nüsse verschiedener Sorten, die die Früchte des Landes Israel symbolisieren. Es war zwar etwas eng, aber wie man so sagt: eng, aber nicht unfrieden. Über die Geschichte und alle Traditionen von Tu biSchwat möchte ich an dieser Stelle nicht ausführlich berichten, da sie den meisten Leserinnen und Lesern bekannt sein dürften. Rabbinerin Alisa Bach, die die Feier leitete, sagte, Tu biSchwat habe eine besondere Bedeutung, sowohl in der religiösen Tradition als auch in der modernen jüdischen Kultur. Das Fest ist mit der Natur und dem Land Israel verbunden und steht für Erneuerung und Wachstum. Im Laufe der Zeit erhielt Tu biSchwat eine tiefere symbolische Bedeutung. Heute wird es mit dem Beginn eines neuen Naturzyklus, der Verbindung des Menschen zur Erde, der Sorge um die Umwelt und der spirituellen Erneuerung assoziiert. Das Fest unterstreicht die Bedeutung der Natur in der jüdischen Tradition.

Rabbinerin Alisa Bach spricht über Tu biSchwat. © Foto: Michail Bejlis

Mitglieder der LJGO im Café „Alte Backstube“. © Foto: Michail Bejlis

Der Vorsitzende der LJGO, Pavel Goldvarg, bedankt sich für die Organisation der Exkursion und die Tu‑biSchwat‑Feier. © Foto: Michail Bejlis

Zu Beginn des festlichen Seders wurden Gläser mit Rotwein oder Traubensaft serviert. Außerdem gab es köstliche Hausspezialitäten, darunter Torten mit Äpfeln, Birnen, Erdbeeren, Kiwis und anderen Früchten und Beeren. Und natürlich gab es auch aromatischen Tee oder Kaffee, je nach Bestellung. Der Tradition nach soll man an Tu biSchwat 15 oder sogar 30 verschiedene Früchte kosten. Unter „Unterwegs-Bedingungen“ war das praktisch unmöglich, daher beschränkten wir uns auf zehn bis zwölf. Nach jeder Fruchtart sprach Rabbinerin Alisa einen Psalm.

Zum Abschluss bedankte sich der Gemeindevorsitzende Pavel Goldvarg noch einmal herzlich bei den Anwesenden – darunter Georg Murra-Regner und seine Frau Margitta – für die hervorragend organisierte und durchgeführte Führung durch das Synagogenmuseum. Ebenso dankte er Rabbinerin Alisa Bach für die Gestaltung der Tu-bi-Schwat-Feier im gastfreundlichen Dornum.

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Auf der Rückfahrt nach Oldenburg tauschten wir lebhaft unsere Eindrücke von diesem ereignisreichen Tag aus und drückten dem Gemeindevorstand unsere herzliche Dankbarkeit für die Organisation der Exkursion aus. Sie war ohne einen einzigen „Ausfall“ klar und planmäßig verlaufen. Außerdem möchte ich einem Sponsor von Herzen danken, der anonym bleiben wollte und sämtliche Kosten für die Busfahrt, die Führung und die Tu-bi-Schwat-Feier im Café übernommen hat. Ohne diese großzügige Spende hätte die Exkursion nicht stattfinden können.

Autor: Yakub Zair-Bek
Verwendet wurden Fotos aus offenen Quellen und aus dem Archiv @DerBote – DerShlikh




Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 10. „Die Mutter der Atombombe“

Physikerin und Radiochemikerin Lise Meitner (1878–1968) ©Wikimedia Commons

Im vorherigen Kapitel dieser Essayreihe über jüdische Namen auf der Karte Oldenburgs habe ich den Leser:innen von der Ärztin, Sozialarbeiterin und Aktivistin der Gewerkschafts-, Frauen- und Zionistenbewegung Rachel Straus erzählt. In diesem Kapitel werde ich meine Erzählung fortsetzen und den Leser:innen eine weitere berühmte Jüdin vorstellen: die Physikerin und Radiochemikerin Lise Meitner. Ich werde ihren Lebensweg und ihren Beitrag zur Weltwissenschaft beleuchten. Dabei wird es natürlich auch um die nach ihr benannte Straße in Oldenburg gehen. Meitner wurde als „Mutter der Atombombe” bezeichnet. Dieser unheilvolle „Titel” wurde einer kleinen, älteren Frau verliehen, deren Verdienste und Beiträge zur Wissenschaft oft verschwiegen und nicht angemessen gewürdigt wurden. Wenn man über ihre wissenschaftlichen Errungenschaften spricht, ist es schwierig, verschiedene physikalische Begriffe zu vermeiden. Ich bitte die Leserinnen und Leser, die sich nicht mit Physik auskennen, um Entschuldigung und werde versuchen, die Verwendung solcher Begriffe auf ein Minimum zu beschränken.

Die österreichische Physikerin und Radiochemikerin Lise Meitner wurde am 7. November 1878 in Wien geboren, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Sie war das dritte von insgesamt acht Kindern der jüdischen Familie Philipp und Hedwig Meitner. Interessanterweise stammte Hedwigs Großvater aus Russland. Lises Vater, Philipp Meitner, arbeitete als Anwalt und konnte seine Familie mit allem Notwendigen versorgen. Er war zu dieser Zeit übrigens ein bekannter Schachspieler. Im Sommer fuhren die Meitners für mehrere Wochen in die Berge, um sich zu erholen, und alle Kinder lernten ein Musikinstrument.

Wie in den meisten jüdischen Familien liebten auch diese Eltern ihre Kinder und versuchten, alles für ihre Zukunft zu tun. Der Vater war der Meinung, dass seine Söhne und Töchter eine gute Ausbildung erhalten sollten. Gleichzeitig waren er und seine Frau gegen Lisas Studium, zumal Frauen bis 1897 überhaupt nicht studieren durften. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Frauen an österreichischen Universitäten nämlich nicht zugelassen. Lisa war jedoch sehr zielstrebig und setzte sich schließlich durch. Im Jahr 1901 schrieb sie sich an der Universität Wien ein, wo sie unter der Leitung der bekannten Wissenschaftler Ludwig Boltzmann und Franz Exner Physik studierte. Auch hier musste sie durch tägliche Arbeit und ständige Willensanstrengungen beweisen, dass der Weg zur Wissenschaft nicht nur Männern offenstand. Im Jahr 1905 war sie eine der ersten Frauen in Europa, die einen Doktortitel in Physik erhielt.

Lise Meitner, 1906 ©Wikimedia Commons

Lise Meitner, 1912 ©Wikimedia Commons

Im Jahr 1907 zog Lise Meitner nach Berlin, um die Vorlesungen von Max Planck, dem Begründer der Quantenphysik, an der Universität zu besuchen. Da Hochschulen in Preußen für Frauen jedoch erst ab 1908 zugänglich waren, konnte sie offiziell nicht seine Studentin sein. Planck gelang es jedoch, eine Sondergenehmigung zu erhalten, die es der talentierten jungen Frau ermöglichte, seine Vorlesungen in theoretischer Physik zu besuchen.

Im September 1907 lernte Lise Meitner den jungen deutschen Chemiker Otto Hahn kennen. Dieser arbeitete am Chemischen Institut der Universität Berlin unter der Leitung des Nobelpreisträgers Emil Fischer. Er schlug Meitner vor, gemeinsam das Thema Radioaktivität zu erforschen. Bereits einen Monat später begann sie ihre wissenschaftliche Tätigkeit in seinem Labor. Dieses bemerkenswerte „Duo” wurde eines der wichtigsten wissenschaftlichen Teams seiner Zeit, das sich mit Radioaktivität befasste. Um es vorwegzunehmen: Sie arbeiteten 30 Jahre lang zusammen. Da Frauen am Institut jedoch keinen offiziellen Status als Forscherinnen hatten, erhielt Meitner kein Gehalt und war auf die bescheidene Unterstützung ihrer Eltern angewiesen.

Anfangs erlaubte Emil Fischer Lise Meitner nicht, in seinem Institut zu arbeiten, da er der Meinung war, dass Frauen sich nicht mit Wissenschaft beschäftigen sollten. Dann gab er jedoch nach und erlaubte Meitner, mit Hahn zusammenzuarbeiten. Er stellte ihnen einen Platz in der ehemaligen Tischlerei im Keller des Instituts zur Verfügung – unter der Bedingung, dass Meitner die oberen Stockwerke, in denen sich die Chemielabore der Männer befanden, niemals betreten dürfe.

Lise Meitner mit dem deutschen Chemiker Otto Hahn im Jahr 1912. ©Wikimedia Commons

Lise Meitner und Otto Hahn im Jahr 1913 ©Wikimedia Commons

Lise Meitner in jungen Jahren ©Wikimedia Commons

Darüber hinaus durfte Lise den Haupteingang nicht benutzen, sondern musste das Institut durch einen Nebeneingang betreten. Dies war leider nicht der erste und auch nicht der letzte Fall von geschlechtsspezifischer Diskriminierung in ihrer wissenschaftlichen Laufbahn. Erst 1908 wurde in Preußen ein Dekret erlassen, das Mädchen den Zugang zur universitären Bildung ermöglichte. Ab diesem Zeitpunkt konnte Lise alle Räumlichkeiten des Instituts nutzen. Allmählich änderte sogar Fischer selbst seine Einstellung ihr gegenüber und half Lise mehr als einmal bei ihrer Arbeit.

In den ersten Jahren ihrer Zusammenarbeit konzentrierten sich Gana und Meitner vor allem auf die Erforschung von Beta- und Gammastrahlen. Ständige Experimente mit radioaktiver Strahlung, unterbrochen nur von kurzen Pausen für eine Zigarette, schwarzen Kaffee und ein Sandwich – und das alles ohne Bezahlung: So sah Lises Arbeitsalltag in dieser Zeit aus. Fünf Jahre lang führten die Wissenschaftler alle Experimente selbstständig in einer ehemaligen Tischlerei durch. Natürlich war dieses „Labor” für wissenschaftliche Forschungen völlig ungeeignet. Sowohl Lise als auch Otto litten häufig unter Kopfschmerzen. Trotzdem machten die Kollegen einige wichtige Beobachtungen und entwickelten eine Reihe wertvoller Methoden.

Im Jahr 1912 bot Max Planck Lise Meitner eine Stelle als seine Assistentin an. Damit erhielt sie zum ersten Mal eine bezahlte Anstellung und wurde zudem die erste weibliche Assistentin an der Universität Berlin. Noch im selben Jahr zog die Forschungsgruppe von Otto Hahn und Lise Meitner in das gerade fertiggestellte Gebäude der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften in einem Berliner Vorort um. Dort leitete Hahn eine kleine Abteilung zur Erforschung radioaktiver Stoffe. Die Bedingungen waren wesentlich komfortabler als bei Fischer. Allerdings wurde Hahn als Professor eingestellt, während Meitner weiterhin als unbezahlte Gastforscherin arbeitete. Erst ein Jahr später wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin, allerdings erhielt sie ein viel geringeres Gehalt als Hahn.

Im Jahr 1914 begann der Erste Weltkrieg. Lise blieb nicht untätig und ging an die Front. Wie die berühmte Wissenschaftlerin Irène Joliot-Curie half sie dabei, Röntgenaufnahmen in Feldlazaretten anzufertigen. Nach ihrer Rückkehr setzte sie ihre Forschungen fort und machte gemeinsam mit ihrem Freund und Kollegen Otto Hahn eine Reihe wichtiger Entdeckungen auf dem Gebiet der Kernphysik.

Bei einem Treffen von Physikern. Sitzend: Hertha Spon, Ingrid Frank, James Frank, Lise Meitner, Otto Hahn und Fritz Haber. Stehend: Albert Einstein, Walter Grotrian, Wilhelm Westphal, Otto von Baeyer, Peter Pringsheim und Gustav Hertz. 1920 ©Foto Getty Images

Lise Meitner wurde 1922 Dozentin und 1926 Professorin für Physik an der Universität Berlin. Damit war sie die erste Frau in Deutschland, die eine solche Position in der Wissenschaft erreichte.

Nach der Entdeckung des Neutrons im Jahr 1932 kam die Frage nach der Erzeugung transuraner Elemente auf. Es begann ein stiller Wettstreit zwischen Ernest Rutherford aus England, Irène Joliot-Curie aus Frankreich, Enrico Fermi aus Italien sowie Lise Meitner und Otto Hahn aus Deutschland. Sie alle gingen davon aus, dass es sich um abstrakte Forschung handele, die mit dem Nobelpreis belohnt werden würde. Keiner von ihnen ahnte, dass diese Forschungen letztlich zur Entwicklung von Atomwaffen führen würden.

Unterdessen verschlechterte sich die politische Lage in Deutschland rapide. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 wurden Juden aus dem Staatsdienst entlassen. Obwohl Lise Meitner bereits 1908 zum Protestantismus konvertiert war, wurde dies von den Nationalsozialisten nicht anerkannt. Dennoch behielt Meitner ihre Professur, da sie die österreichische Staatsbürgerschaft besaß, und blieb in Deutschland. Ihr Hauptantrieb war die Möglichkeit, weiterhin wissenschaftlich tätig zu sein. Nach dem „Anschluss” Österreichs überzeugten Freunde Meitner jedoch, Deutschland zu verlassen.

Lise Meitner in ihrem Labor ©Wikimedia Commons

Kurz vor ihrem 60. Geburtstag, am 13. Juni 1938, verließ Lise Meitner, eine der brillantesten und erfolgreichsten Physikerinnen ihrer Zeit, eilig Berlin. Sie hatte mehr als 30 Jahre am Kaiser-Wilhelm-Institut gearbeitet. Nun emigrierte sie mit zwei Koffern und begründeter Angst vor Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft konnte sie keinen Reisepass erhalten, sodass die Reise mit sehr hohen Risiken verbunden war. Nur durch einen glücklichen Zufall gelang es ihr, die Grenze zu den Niederlanden zu überqueren. Von dort aus reiste sie nach Dänemark und schließlich weiter nach Schweden.

In Schweden setzte Lise Meitner ihre Arbeit am Nobel-Institut für Experimentalphysik in Stockholm fort. Das Institut wurde vom Nobelpreisträger für Physik Manne Siegbahn geleitet. Aufgrund der unzureichenden technischen Ausstattung des Labors und vermutlich auch aufgrund Siegbahns voreingenommener Haltung gegenüber Wissenschaftlerinnen musste sie ihre Arbeit jedoch allein bewältigen, ohne auf die Unterstützung ihres schwedischen Kollegen zählen zu können. Dabei hielt Lise Meitner weiterhin Kontakt zu Otto Hahn. Es gelang ihnen sogar, sich heimlich in Kopenhagen zu treffen, um eine neue Reihe von Experimenten zur Spaltung des Atomkerns zu besprechen. Zu diesem Zweck tauschten sie auch Briefe aus, da diese von den deutschen Behörden nicht zensiert wurden.

Lise Meitner im Januar 1946. ©Foto: Bettmann·Getty Images

Aufgrund der politischen Lage in Deutschland konnte Meitner nicht mehr gemeinsam mit Hahn publizieren, sodass sich ihre Wege in der Öffentlichkeit trennten. Im Januar 1939 veröffentlichte Hahn die Ergebnisse eines chemischen Experiments unter seinem eigenen Namen. Einen Monat später erarbeiteten Meitner und ihr Neffe, der Physiker Otto Robert Frisch, die physikalische Begründung dazu. Meitner stellte unter anderem fest, dass der Prozess der Kernspaltung eine Kettenreaktion auslösen kann, die zu bisher unbekannten Energieausstößen führen kann. Diese Aussage sorgte in wissenschaftlichen Kreisen für Aufsehen. Es war klar, dass das Wissen, mit dessen Hilfe eine völlig neue Waffe geschaffen werden konnte, in die Hände der Nationalsozialisten gelangen könnte. Die Arbeit von Hahn und Meitner veränderte die Welt für immer und gab den Anstoß zur Entwicklung von Atomwaffen. Im August 1942 starteten die USA das „Manhattan-Projekt” (Codename für das Programm zur Entwicklung der Atombombe). Daran beteiligten sich Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern und das Projekt wurde vom legendären Physiker Robert Oppenheimer geleitet. Auch Lise Meitner erhielt eine Einladung, sich dem Programm anzuschließen, lehnte jedoch als überzeugte Pazifistin kategorisch ab: „Ich werde keine Bombe bauen!” Tatsächlich spielte Lise Meitner jedoch eine der wichtigsten Rollen bei der Entwicklung der Atombombe. Wenn Oppenheimer als „Vater der Atombombe” bezeichnet wird, dann ist Meitner die „Mutter”.

Als Lise Meitner von den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki erfuhr, war sie entsetzt. Sie gab sich selbst die Schuld dafür, dass sie unwissentlich zur Entwicklung dieser tödlichen Waffe beigetragen hatte. Sie war der Meinung, zu lange in Nazi-Deutschland geblieben zu sein, und bedauerte, dass ihre ehemaligen Kollegen für Hitlers Regierung gearbeitet hatten. Von 1939 bis 1945 gab es in Deutschland das „Deutsche Atomprogramm”.

Lise Meitner hält einen Vortrag an der Katholischen Universität, Washington, 1946. ©Wikimedia Commons

Im Jahr 1944 erhielt Otto Hahn den Nobelpreis für Chemie für die Entdeckung des Kernzerfalls. Nach Meinung vieler Wissenschaftler hätte dieser Preis zu gleichen Teilen auch Lise Meitner zugestanden. Sie erhielt den Preis vermutlich nicht, weil Siegbahn, mit dem sie seit Beginn ihrer Arbeit am Stockholmer Institut kein gutes Verhältnis hatte, Mitglied des Nobelkomitees war. Es gab möglicherweise noch andere Gründe. Die Welt der Wissenschaft war voller Intrigen und ungesunder Konkurrenz. Es wird vermutet, dass auch Hahn selbst, der sich von Meitner distanzierte, zu dieser Ungerechtigkeit beitrug. Zu diesem Zeitpunkt endete entweder die Freundschaft zwischen Meitner und Hahn oder sie blieben weiterhin in Kontakt. Hahn überwies seiner ehemaligen Kollegin sogar einen Teil des Preisgeldes, das sie für die Förderung der Wissenschaft an das Komitee für Atomenergie in Princeton weitergeleitet hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Meitner ihre wissenschaftliche Arbeit fort. Obwohl sie einen enormen Beitrag zur Wissenschaft leistete, wurde sie mehrfach für den Nobelpreis für Physik nominiert, erhielt ihn jedoch nie. Ihre Errungenschaften waren nicht nur für die Entwicklung der Atombombe, sondern auch für die Entstehung der Atomenergie von entscheidender Bedeutung.

Lise Meitner wurde 1946 vom National Women’s Press Club (USA) zur „Frau des Jahres” ernannt und 1949 mit der Max-Planck-Medaille ausgezeichnet. 1966 erhielt sie gemeinsam mit Otto Hahn den renommierten Enrico-Fermi-Preis.

Lise Meitner mit Studenten auf den Stufen der Fakultät für Chemie des Bryn Mawr College in Pennsylvania, USA, 1959. ©Wikimedia Commons

Mit Kollegen auf einer Physikkonferenz, 1962. ©Wikimedia Commons

Lise Meitner, 1953 ©Wikimedia Commons

Lise Meitner war nie verheiratet und hatte keine Kinder. Nach ihrer Pensionierung im Jahr 1960 zog sie nach Cambridge in England. Ihre letzten Tage verbrachte sie in einem Altenheim in Gesellschaft ihres Neffen Otto Frisch, mit dem sie eng verbunden war. Sie starb am 27. Oktober 1968 in Cambridge, wenige Tage vor ihrem 90. Geburtstag. Auf ihrem Grabstein in England steht die Inschrift: „Eine Physikerin, die nie ihre Menschlichkeit verlor.”

Das Grab von Meitner auf dem Friedhof der St. James‘ Church in Bramley, England ©Wikimedia Commons

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Lise Meitner genoss große Anerkennung in der Welt der Wissenschaft. Sie erhielt mehr als zwanzig wissenschaftliche, staatliche und gesellschaftliche Auszeichnungen, darunter fünf Ehrendoktorwürden und zwölf Mitgliedschaften in Akademien der Wissenschaften verschiedener Länder. Zu ihren Ehren wurden drei kosmische Objekte benannt: der Krater Meitner auf der Rückseite des Mondes, der Krater Meitner auf der Venus sowie der Asteroid Meitner. Das 1959 in West-Berlin gegründete Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung ist heute der Ort, an dem die Lise-Meitner-Preise verliehen werden. Im Jahr 1997 wurde das 109. Element des Periodensystems zu ihren Ehren benannt. Meitnerium. Die Wissenschaftsstiftung und die Interstaatliche Vereinigung für postgraduale Bildung in Österreich haben Stipendien ins Leben gerufen, die unter dem Namen „Lise Meitner” vergeben werden und die wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Atomphysik unterstützen. Im Jahr 2003 wurde das neue Gebäude des Physikalischen Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin in „Lise-Meitner-Haus” umbenannt.

Denkmal für Lise Meitner im Hof der Ruhmeshalle der Humboldt-Universität zu Berlin (Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach), 2014 ©Wikimedia Commons

Denkmal für Lise Meitner vor dem Gebäude des Lise-Meitner-Wohnheims in Kaiserslautern ©Wikimedia Commons

Dies ist nur eine kurze Liste von Objekten, Bildungseinrichtungen, Preisen, Stipendien usw., die den Namen Lise Meitners tragen. In Deutschland, Österreich und anderen europäischen Ländern wurden zahlreiche Gedenktafeln angebracht, die mit den Lebensabschnitten der Wissenschaftlerin in Verbindung stehen. Darüber hinaus gibt es drei Denkmäler und eine Büste.

1988 gab die Deutsche Post eine Briefmarke aus der Serie „Frauen der deutschen Geschichte” mit einem Porträt von Lise Meitner heraus. Obwohl Lise Meitner in Österreich geboren wurde und die österreichische Staatsbürgerschaft besaß, hielten die Entwickler dieser Briefmarke es angesichts ihrer Verdienste um die deutsche Physik, für die sie drei Jahrzehnte lang tätig war, für angemessen, ihr Porträt in diese Serie aufzunehmen.

Briefmarke der Bundesrepublik Deutschland mit dem Porträt von Lise Meitner, 1988, © Foto aus der Sammlung des Autors

Verkehrszeichen mit der Aufschrift „Kreyenbrück“, © Foto aus dem Archiv des Autors

Lise-Meitner-Straße, Oldenburg ©Foto: Oleg Hrek

Straßenschild mit dem Namen Lise Meitner, Oldenburg ©Foto: Oleg Hrek

In 198 deutschen Städten gibt es Straßen, die den Namen Lise Meitners tragen. Sie befinden sich in Metropolen und anderen Großstädten wie Berlin, Frankfurt am Main, Hannover, Bremen, Düsseldorf, Leipzig, Kiel und Osnabrück. Auch im Oldenburger Stadtteil Kreyenbrück in Niedersachsen befindet sich eine Lise-Meitner-Straße. Es ist eine ruhige und grüne Straße, in der die Geschwindigkeit des Autoverkehrs auf 30 km/h begrenzt ist. Dies symbolisiert, dass die große Wissenschaft, der Lise Meitner ihr ganzes Leben gewidmet hat, nicht in Eile und in der Stille der Labore betrieben wird.

Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors und aus offenen Quellen




Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 9. Ärztin und Sozialaktivistin Rahel Straus

Die Ärztin und Sozialaktivistin Rahel Straus (1880–1963) ©Wikimedia Commons

In den vorherigen Kapiteln dieser Essayreihe über jüdische Namen auf der Karte Oldenburgs habe ich über herausragende Persönlichkeiten jüdischer Herkunft berichtet, über ihren Lebensweg, ihre Rolle für die Entwicklung des jüdischen Lebens in Oldenburg sowie ihren Beitrag zur Weltkultur und Wissenschaft. Unter diesen Namen nehmen die jüdischen Frauen Rahel Varnhagen, Hannah Arendt und Anne Frank einen besonderen Platz ein. Obwohl sie alle keinen direkten Bezug zu Oldenburg hatten, wurden dennoch Straßen und ein Platz dieser niedersächsischen Stadt nach ihnen benannt. In diesem Kapitel werde ich meine Erzählung fortsetzen und den Leser:innen eine weitere berühmte Jüdin vorstellen: die Ärztin, Sozialarbeiterin und Aktivistin der Gewerkschafts-, Frauen- und Zionistenbewegung Rahel Straus. Selbstverständlich werde ich dabei auch auf die nach ihr benannte Straße in Oldenburg eingehen.

Rahel Straus wurde am 21. März 1880 in Karlsruhe, Baden, Deutschland, geboren. Sie war das vierte Kind des orthodoxen Rabbiners Gabor Goitein und der Grundschullehrerin Ida Goitein, geborene Löwenfeld. Ihr Vater starb, als sie drei Jahre alt war, im Jahr 1883. Rahel verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Karlsruhe. Ab 1893 besuchte sie zunächst die Mittelschule und anschließend das örtliche Mädchengymnasium (heute Lessing-Gymnasium), wo sie 1899 ihr Abitur erfolgreich ablegte. In ihrer Abschlussrede sprach sie unter anderem erstmals öffentlich über die Möglichkeit einer höheren Bildung für Frauen. Ihr Onkel Raphael Löwenfeld, der Bruder ihrer Mutter, beschloss daraufhin, sie finanziell zu unterstützen, damit sie eine höhere medizinische Ausbildung absolvieren konnte.

Mädchengymnasium am Gutenbergplatz, Karlsruhe, 1912 ©Stadtarchiv Karlsruhe

Trotz der ablehnenden Haltung einiger Professoren schrieb sich Rahel Goitein an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg ein und wurde damit deren erste Studentin. Ab dem Wintersemester 1901/1902 war sie Vorsitzende der „Heidelberger Studentinnenvereinigung” und engagierte sich in der Jüdischen Studentenvereinigung Baden. Sie absolvierte ihr Studium mit hervorragenden Leistungen und erhielt bereits nach dem fünften Semester, im Jahr 1902, vorzeitig ihren ersten akademischen Grad, den Bachelor, mit der Note „sehr gut”. 1905 legte sie erfolgreich ihr Staatsexamen ab. 1907 erhielt sie entgegen aller Skepsis den Doktortitel in Medizin, nachdem sie ihre Dissertation über eine bestimmte Art von Krebserkrankung erfolgreich verteidigt hatte.

Universität Heidelberg (auf einer alten Postkarte) ©Wikimedia Commons

Rahel Goitein, Studentin an der Universität Heidelberg, 1905 ©Wikimedia Commons

Rahel Goitein am Strand in den Niederlanden, 1905 ©Wikimedia Commons

Elias (Eli) Straus (1878–1933) ©Stadtarchiv Karlsruhe

Das Jahr 1905 war für Rahel sehr ereignisreich: Sie erhielt ihr Arztdiplom und heiratete. Ihr Ehemann war ihr „Landsmann” aus Karlsruhe, der Rechtsanwalt und Doktor der Rechtswissenschaften Elias (Eli) Straus, geboren 1878, der aus einer kinderreichen jüdischen Familie stammte. Elias’ Vater, Samuel Straus, war Bankier in Karlsruhe. Elias Straus engagierte sich aktiv in der zionistischen Bewegung. Als „Hochzeitsreise”, die allerdings aus familiären Gründen etwas verschoben wurde, unternahmen die jungen Eheleute Straus im Jahr 1907 eine Reise nach Palästina.

Im Jahr 1908 eröffnete Rahel Straus in München eine gynäkologische Praxis und war damit die erste Ärztin in Deutschland, die nach einem Universitätsabschluss praktizierte. Die Familie hatte fünf Kinder: drei Mädchen und zwei Jungen. Alle Kinder wuchsen zu würdigen Menschen heran. Besonders hervorzuheben ist der jüngste Sohn Ernst Gabor, der 1922 geboren wurde, als Rahel bereits 42 Jahre alt war. Er wurde ein bekannter Mathematiker und Professor an der University of California in Los Angeles. Während seines Exils mit seiner Mutter in Palästina studierte er an der Hebräischen Universität Jerusalem. Nach seiner Übersiedlung in die USA im Jahr 1941 begann er ein Studium an der Columbia University in New York, welches er mit einem Masterabschluss beendete. 1943 arbeitete er als Assistent von Albert Einstein in Princeton und veröffentlichte gemeinsam mit ihm drei Artikel. Straus arbeitete mit vielen bekannten Wissenschaftlern zusammen. Er starb 1983 in den USA.

Professor Ernst Gabor Straus (1922–1983) ©https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/

Nach dem Tod ihres einzigen Bruders Ernst Goitein im Jahr 1916 intensivierte sie ihre Unterstützung für jüdische Organisationen, die loyal zur deutschen Kriegspolitik standen. Dies entsprang ihrer tiefen Achtung vor Deutschland im Allgemeinen und der deutschen Kultur im Besonderen. Als Ärztin und Feministin kämpfte sie für die Aufhebung des Abtreibungsverbots in Deutschland. Sie beteiligte sich aktiv an sozialen und pädagogischen Seminaren, war Vorsitzende der Gewerkschaft der Arbeiterinnen Palästinas und Mitglied der Internationalen Zionistischen Frauenorganisation (WIZO). Im Jahr 1918 war sie Mitglied mehrerer Komitees der Bayerischen Räterepublik. 1932 übernahm sie eine führende Rolle im Jüdischen Frauenbund, was ihr politisches und diplomatisches Talent sowie ihr hohes Ansehen in der Gesellschaft unterstreicht. Der Frauenbund unterstützte insbesondere Mütter mit unehelichen Kindern sowie Opfer von Menschenhandel.

Racel Straus im hohen Alter ©Wikimedia Commons

1933 starb Elias Straus, Rahels Ehemann, an Krebs. Noch im selben Jahr, kurz nach seinem Tod und dem Machtantritt der Nationalsozialisten in Deutschland, wanderte sie mit ihren beiden jüngeren Kindern, ihrer Tochter Gabriel und ihrem Sohn Ernst, nach Palästina aus. Die erste Zeit ihres Lebens im Gelobten Land war geprägt von Schwierigkeiten und Entbehrungen. Später arbeitete Rahel als Ärztin und Sozialarbeiterin. 1952 ernannte sie die in Israel gegründete Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit zu ihrer Ehrenpräsidentin – ein Amt, das sie bis zu ihrem Tod innehatte. Sie starb am 15. Mai 1963 im Alter von 84 Jahren in Jerusalem und wurde auf dem Jerusalemer Friedhof Sangeria beigesetzt.

1961 erschien in Stuttgart das autobiografische Buch „Wir lebten in Deutschland. Erinnerungen einer deutschen Jüdin 1880–1933”. Das Buch stieß bei den Lesern auf großes Interesse und wurde 1962 mit Ergänzungen neu aufgelegt. Der Name dieser bemerkenswerten Aktivistin ist in vielen Ländern der Welt verewigt. Am meisten natürlich in ihrer Heimat Deutschland, aber nicht nur dort. So besteht beispielsweise eines der sozialen Projekte von Rchel Straus, das Zentrum zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung in Jerusalem (AKIM), bis heute. Es unterhält eine Bildungseinrichtung, die ihren Namen trägt (Beit Rahel Straus).

Im Oktober 2019 hat die baden-württembergische Arbeitsgruppe des Vereins „Gegen das Vergessen – für die Demokratie” zum ersten Mal den Rahel-Straus-Preis für nachhaltige Projekte verliehen. Mit diesem Preis werden Projekte ausgezeichnet, die zur Entwicklung der Erinnerungskultur in Baden-Württemberg beitragen.

Die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg, an der Rahel studiert hat, unterstützt im Rahmen des „Rahel-Goitein-Straus-Förderprogramms” junge Wissenschaftlerinnen, die nach ihrer Promotion ihre Forschung fortsetzen möchten. Das Programm zielt darauf ab, den Anteil von Frauen unter den habilitierten Wissenschaftlerinnen zu erhöhen.

Rahel Straus, das Bild basiert auf einem Foto aus dem Archiv des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts, Malerin Julia Belot.

Eine Reihe von Ortsnamen in Deutschland ist mit dem Namen Rahel Straus verbunden. So wurde beispielsweise im Jahr 2000 in ihrer Heimatstadt Karlsruhe eine Straße nach ihr benannt: die Rahel-Straus-Straße. In München, wo sie lange Zeit lebte, arbeitete und fünf Kinder zur Welt brachte und großzog, gibt es den Rahel-Straus-Weg. Den gleichen Namen trägt eine Straße im Heidelberger Stadtteil Kirchheim, in dem Rahel studiert hatte.

Die Geschichte der nach ihr benannten Straße im niedersächsischen Oldenburg ist interessant. Lange Zeit trug diese Straße im Stadtteil Kreyenbrück den Namen einer Person, die, wie Forscher herausfanden, ein aktiver Nationalsozialist gewesen war und der Entnazifizierung entgangen war. Die Stadtverwaltung beschloss deshalb, den umstrittenen Straßennamen zu ändern und benannte die Straße im Jahr 2008 in Rahel-Straus-Straße um. In dieser Straße befindet sich heute der Gebäudekomplex des größten Fachkrankenhauses Oldenburgs, der Universitätsklinik (Klinikum Oldenburg). Dies ist sehr symbolisch, denn der große medizinische Komplex befindet sich in einer Straße, die den Namen einer bemerkenswerten Frau, Ärztin und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens trägt.

Straßenschild mit dem Namen Rahel Straus, Oldenburg, Foto: ©Oleg Grek

Gesamtansicht der Rahel-Straus-Straße, Oldenburg, Foto: ©Oleg Grek

Hauptgebäude der Universitätsklinik (Klinikum Oldenburg), ©https://www.klinikum-oldenburg.de

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Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors und aus öffentlichen Quellen




Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 8. Philosophin und Publizistin Hannah Arendt

Philosophin und Publizistin Hannah Arendt (1906–1975) ©Wikimedia Commons

Hannah Arendt war eine deutsch-amerikanische Philosophin, Politikhistorikerin und Publizistin. Als Überlebende des Holocaust beschäftigte sie sich bis zu ihrem Lebensende mit den Ursprüngen, Gründen und Folgen des Antisemitismus. Am Beispiel von Adolf Eichmann, einem Anhänger des „besessenen Führers“, erklärte die Denkerin, dass das Böse in seinem Wesen banal und sogar bürokratisch sei. Ihr wichtigster Beitrag zur Soziologie ist jedoch ihre Totalitarismus-Theorie. Arendt zählt zu den herausragendsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. In ihren Werken zeigt sie die Bedeutung des Bekenntnisses zu Demokratie und Menschenrechten auf. Das Leben und Werk dieser bemerkenswerten Frau sind weltweit bekannt. Ihr Name ist in vielen Ländern verewigt, unter anderem trägt eine Straße in Oldenburg in Niedersachsen ihre Namen. Dieser Aufsatz ist einer großartigen jüdischen Frau gewidmet, deren 120. Geburtstag und 50. Todestag im Jahr 2026 bzw. 2025 begangen wurden.

Hannah Arendt wurde am 14. Oktober 1906 in Linden, einem Vorort von Hannover, der heute ein Teil der Stadt ist, in eine gebildete und emanzipierte jüdische Familie hineingeboren. Ihr Vater, der Ingenieur und Amateurwissenschaftler Paul Arendt, besaß eine umfangreiche Bibliothek mit klassischen Werken in Altgriechisch und Latein. Ihre Mutter, Martha Cohn, hatte in Paris Französisch und Musik studiert. Nachdem ihr Vater schwer erkrankt war, kehrte die Familie nach Königsberg (heute Kaliningrad) zurück, der Heimatstadt der Eltern im damaligen Ostpreußen. Ihr Vater starb 1913 und ihre Mutter, eine sozialdemokratisch engagierte Politikerin, übernahm die Erziehung des Mädchens. In ihren autobiografischen Essays erinnert sich Hannah Arendt daran, dass sie sich zu dieser Zeit oft verlassen fühlte – auch von ihrer Mutter. Um ihre Trauer zu betäuben, unternahm diese weite Reisen und ließ Hannah bei ihren wohlhabenden und gebildeten Großeltern zurück. Diese erzogen ihre Enkelin nach den Grundsätzen des reformierten Judentums. Formal gehörte das Mädchen keiner jüdischen Gemeinde an, aber sie wusste sehr wohl, was es bedeutete, in Deutschland Jüdin zu sein. In ihrem Elternhaus wurde, wie sie sich erinnerte, das Wort „Jude” nicht verwendet. Ihre Mutter verlangte jedoch von ihr, „demütige Unterwürfigkeit” zu vermeiden. Im Falle einer antisemitischen Äußerung eines Lehrers sollte Hannah den Klassenraum verlassen, um ihrer Mutter die Möglichkeit zu geben, einen offiziellen Brief zu schreiben. Sie musste allerdings selbst auf die antisemitischen Bemerkungen ihrer Mitschüler reagieren.

Paul Arendt, Hannahs Vater ©Wikimedia Commons

Martha Cohn, Mutter von Hannah Arendt ©Wikimedia Commons

Hannah Arendt mit ihrer Mutter, 1914, Königsberg ©Wikimedia Commons

Hannah Arendt im Jahr 1924 ©Wikimedia Commons

Hannah Arendt lernte in ihrer Jugend Altgriechisch und Latein, sodass sie die Werke antiker Denker später ohne Schwierigkeiten im Original lesen konnte. Bereits mit 14 Jahren war sie eine für ihr Alter ungewöhnlich intellektuelle Person. Sie las nicht nur unterhaltsame Romane, sondern auch sehr schwer verständliche Werke wie Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ und Karl Jaspers‘ „Psychologie der Weltanschauungen“. „Mit 14 Jahren hatte ich mich endgültig entschieden, mein Leben der Philosophie zu widmen“, erzählte sie in einem Interview, das Mitte der 1960er Jahre für das Fernsehen aufgezeichnet wurde. Tiefer in die Philosophie „eintauchte” Hannah Arendt im Jahr 1924, als sie an der Universität Marburg studierte. 1928 setzte sie ihr Studium an der Universität Freiburg fort. Die Universität Heidelberg war die letzte „Alma Mater” Arendts. Dort studierte sie bei Karl Jaspers, dessen Bücher sie seit ihrer Kindheit mit Begeisterung gelesen hatte. Hier promovierte sie 1930 in Philosophie.

Doktordiplom, Heidelberg, 1930 ©Wikimedia Commons

Professor Martin Heidegger, fotografiert im Jahr 1960 ©Wikimedia Commons

Das Haus in Marburg, in dem Hannah 1924/25 eine Unterkunft gemietet hatte, Lutherstraße 4, ein zeitgenössisches Foto ©Wikimedia Commons

Hannah Arendt studierte in Marburg bei Martin Heidegger, der zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts zählt. Sie besuchte seine Vorlesungen über die Lehren antiker griechischer Philosophen und nahm an seinen Seminaren teil. Heidegger sah in seiner jungen Schülerin nicht nur eine gute Studentin, sondern auch eine echte Schönheit. Er war damals 35 Jahre alt, sie gerade einmal 17, als zwischen ihnen eine Liebesbeziehung entstand. So begann im Jahr 1924 ihre „Marburger Romanze”. Hannah mietete ein Zimmer in einem Haus in der Nähe der Universität, in dem sie sich heimlich mit ihrem Lehrer traf. Im selben Jahr begann auch der Briefwechsel zwischen der Studentin und dem Professor, in dem sie nicht nur über Liebe, sondern auch über Philosophie, Politik und vieles andere sprachen. Dieser Briefwechsel wurde veröffentlicht und ist auch aus wissenschaftlicher Sicht von großem Interesse. Dennoch erlosch die Romanze bereits Ende 1924 und Hannah sah sich gezwungen, sich von ihrem Geliebten zu trennen. Martin war verheiratet und hatte zwei Kinder. Außerdem wollte er seine Karriere nicht ruinieren. Dennoch blieben sie befreundet.

Hannah Arendt mit ihrem Ehemann Günther Stern, 1929 ©Wikimedia Commons

Hannahs erster offizieller Ehemann war der österreichische Schriftsteller und Philosoph Günther Stern, der später unter dem Pseudonym Anders bekannt wurde. Sie heirateten 1929, doch ihre Beziehung zerbrach aufgrund ideologischer Differenzen. 1936 lernte Arendt den deutschen Dichter und Philosophen Heinrich Friedrich Ernst Blücher kennen und begann eine leidenschaftliche Beziehung mit ihm. Die neue Romanze und ihre unterschiedlichen Interessen führten dazu, dass die Ehe mit Günther im Jahr 1937 endete. Im Januar 1940 heirateten Arendt und Blücher. Für Blücher war es die dritte Ehe, doch mit Arendt blieb er bis zu seinem Tod im Jahr 1970 zusammen. Arendt hatte keine Kinder.

Bereits in den 1930er Jahren begann Hannah Arendt, sich für Politik zu interessieren. Ihr „Eintauchen” in dieses Thema begann mit den Werken von Karl Marx und Leo Trotzki. Bereits 1932 schrieb sie einen Artikel über die Rolle der Frau in der Politik.

Am Abend des 27. Februars 1933, also einen Monat nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wurde der Reichstag in Berlin in Brand gesetzt. Die NSDAP nutzte die Tat sofort als Vorwand. Mit der Verabschiedung des sogenannten „Reichstagsbrandbeschlusses” wurden die Grundrechte ausgesetzt und der Weg zur Diktatur geebnet. „Was dann begann, war schrecklich. Für mich war es ein völliger Schock, und von diesem Moment an fühlte ich mich verantwortlich”, erinnerte sich Hannah Arendt. Ihre Wohnung diente als Zufluchtsort für Juden, die sich vor den „Säuberungen” versteckten. Dafür wurde sie im Juli 1933 in Berlin von der Gestapo verhaftet. Glücklicherweise gelang es ihr, einer Inhaftierung zu entgehen, da ihr Fall von einem ihr wohlgesonnenen Ermittler bearbeitet wurde und sie nach einer Woche freigelassen wurde. Unmittelbar danach floh sie zusammen mit ihrer Mutter über die „grüne Grenze“ in die Tschechoslowakei und von dort aus weiter nach Frankreich. Dort hielt sie Vorträge über Antisemitismus, arbeitete in einer Organisation, die jüdischen Jugendlichen bei der Flucht nach Palästina half, und schrieb thematische Bücher. Im Mai 1940 wurde sie im von den Nazis besetzten Frankreich in das von ihnen eingerichtete Konzentrationslager Camp de Gurs deportiert. Glücklicherweise gelang es Hanne auf wundersame Weise, von dort zu fliehen. Einen Monat später nutzte sie die Verwirrung unter den Aufsehern, um zunächst nach Portugal und schließlich in die Vereinigten Staaten zu fliehen. „Wir sind gerettet“, telegrafierte sie ihrem ehemaligen Ehemann Günther Anders, der zu diesem Zeitpunkt bereits in New York lebte. Zusammen mit ihrem zweiten Ehemann Heinrich Blücher und ihrer Mutter ließ sie sich in einer kleinen Wohnung in Manhattan nieder und begann ihre Karriere als Kommentatorin und Redakteurin. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konzentrierte sie sich auf die Erforschung des Nationalsozialismus und betrachtete dabei nicht nur die Erfahrungen Deutschlands, sondern auch die Politik Stalins. Das Ergebnis war ein umfangreiches Werk in drei Bänden: „Antisemitismus“, „Über den Imperialismus“ und „Die Ursprünge des Totalitarismus“. Das letzte dieser Werke, das 1951 veröffentlicht wurde, brachte Arendt weltweite Bekanntheit ein und machte sie zur Begründerin der Totalitarismus-Theorie.

Hannah interessierte sich schon immer für nationale Fragen, insbesondere für Antisemitismus. Kurz vor Hitlers Machtergreifung versuchte Karl Jaspers in Briefen, seine ehemalige Studentin davon zu überzeugen, eine „richtige” Deutsche zu werden. Hannah antwortete knapp: „Für mich sind Deutschland, meine Muttersprache, Philosophie und Poesie untrennbar verbunden.“ Bis zu ihrem Tod betrachtete sich Arendt als Jüdin. Sie entging dem „Fleischwolf“ des Holocaust wie durch ein Wunder und versuchte, andere davor zu bewahren. Während eines Verhörs sagte sie: „Wenn man uns als Juden angreift, werden wir uns wie Juden verteidigen.“

Hannah Arendt im Jahr 1933 ©Wikimedia Commons
Hannah Arendt in New York City, Anfang der 1950er Jahre. Foto: ©Hannah Arendt Bluecher Literary Trust

Hannah Arendt beim Prozess gegen Adolf Eichmann, Jerusalem, 1961 ©Wikimedia Commons

Im Jahr 1961 wurde Hannah Arendt vom Wochenmagazin The New Yorker nach Jerusalem entsandt, um über den Prozess gegen den Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann zu berichten. In Beit Haame, einem Theater, das zu einem Gerichtssaal umgebaut worden war, beobachtete sie, wie ein hagerer Mann in einem dunklen Anzug schweigend eine Glaskabine betrat, um sich die Anklage anzuhören. Eichmann, ein ehemaliger SS-Obersturmführer, war eine der zentralen Figuren des Holocausts und mitverantwortlich für die Ermordung von sechs Millionen Menschen in Europa. Sein Prozess wurde zu einem Ereignis von großer Resonanz. In einem Brief an ihren ehemaligen Lehrer und wissenschaftlichen Betreuer Karl Jaspers schrieb Arendt: „Ich hätte es mir nie verziehen, wenn ich nicht hingefahren wäre.”

Nach dem Eichmann-Prozess hat Arendt das Böse in ihrem Werk „Die Banalität des Bösen: Eichmann in Jerusalem“ (1963) beschrieben. Darin schreibt sie, dass die Ideologen von Massenmorden nicht immer „Superschurken“ wie Adolf Hitler sind. Es können auch ganz gewöhnliche Menschen wie Eichmann sein. Dieser sei lediglich ein Ausführender, ein Glied in der bürokratischen Maschinerie gewesen. Die Philosophin betonte, dass Eichmanns Handlungen, die zum Tod von Millionen Menschen führten, nichts weiter als der stumpfsinnige Wunsch waren, seine Arbeit gut zu machen.

Nach einem Herzinfarkt im Jahr 1974 kehrte Hannah Arendt zum Schreiben und Lehren zurück. Am 4. Dezember 1975 erlitt die Philosophin einen weiteren Herzinfarkt – direkt an ihrem Arbeitsplatz. Dieser führte zu ihrem Tod. Ihr Leichnam wurde eingeäschert und ihre Asche auf dem Friedhof des Bard College in New York neben dem Grab ihres 1970 verstorbenen Ehemanns Heinrich Blücher beigesetzt. Auf dem Grab steht ein schlichtes Grabmal mit ihrem vollständigen Namen zum Zeitpunkt ihres Todes – Hannah Arendt-Blücher –, ihrem Geburtsort und den Daten ihres Lebens und Todes.

Hannah Arendts Grab in New York City, fotografiert im Jahr 2025. ©Wikimedia Commons

Arendt hinterließ mehr als 450 Werke zu unterschiedlichsten Themenbereichen, die jedoch durch die Idee der Auseinandersetzung mit der Gegenwart verbunden sind. Zu ihnen gehören: „Das Leben des Geistes“, „Verantwortung und Urteil“, „Über die Revolution“, „Über Gewalt“, „Die Ursprünge des Totalitarismus“ und „Die Banalität des Bösen: Eichmann in Jerusalem“.

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1937 entzogen die Nationalsozialisten Hannah Arendt die deutsche Staatsbürgerschaft. Viele Jahre lang lebte sie ohne Papiere und somit ohne Rechte, bis sie 1951 die US-Staatsbürgerschaft erhielt. Dennoch ist das Wirken dieser außergewöhnlichen Frau heute in vielen Ländern der Welt bekannt. Auch in ihrer Heimat Deutschland ist ihr Name verewigt. Hunderte Bände in verschiedenen Sprachen sind ihr und ihren Werken gewidmet, zudem wurden bis zu einem Dutzend Dokumentarfilme über sie gedreht. Der jüngste Fernsehdokumentarfilm über sie wurde am 10. Dezember 2025, dem 50. Todestag der Philosophin, auf den Sendern ZDF und ARTE ausgestrahlt. Der Film des Regisseurs Christian Böttges trägt den Titel „Hannah Arendt: Eine Jüdin im Pariser Exil”.

Hannahs Biografie diente als Grundlage für verschiedene künstlerische Werke. So schrieb Marion Müller-Kolar auf Basis der Grundideen der Philosophin das Kinderbuch „Das kleine Theater“ (2016), in dem es um menschliche Werte geht. 2012 wurde mit Hannah Arendt (Regie: Margarethe von Trotta) ein deutsch-französisch-israelischer Spielfilm über Arendt gedreht, in dem die Schauspielerin und Sängerin Barbara Sukowa die Hauptrolle spielte.

Eine Briefmarke BRD mit einem Porträt von Hannah Arendt, 1988, Foto aus der Sammlung des Autors.
Eine Briefmarke der BRD zum 100. Geburtstag von Hannah Arendt, 2006. Foto aus der Sammlung des Autors.

Eine Gedenktafel in Hannover (Linden) am Geburtshaus von Arendt ©Wikimedia Commons

Die Deutsche Post hat zweimal Briefmarken mit Porträts von Hannah Arendt herausgegeben. Das erste Mal geschah dies 1988 in der „Standardausgabe Frauen der deutschen Geschichte“, das zweite Mal zum 100. Geburtstag der Philosophin im Jahr 2006.
In Potsdam, Berlin, Krefeld, Erfurt und vielen anderen deutschen Städten sind Schulen, Bildungseinrichtungen und andere Objekte nach ihr benannt. Im Jahr 2015 wurde zudem der Platz vor dem Landtagssitz des Landes Niedersachsen in Hannover nach ihr benannt. Darüber hinaus trägt der Weg entlang der Leine in Hannover seit 1986 den Namen „Hannah-Arendt-Weg”. In den Städten Gießen und Heidelberg sind ebenfalls zahlreiche Straßen nach ihr benannt. In vielen Städten – darunter Hannover, Berlin, Marburg und Babelsberg – wurden zudem Gedenktafeln an Gebäuden angebracht, die mit dem Leben und Wirken von Hannah Arendt in Verbindung stehen.

Im Oldenburger Stadtteil Drielaker-Moor ist kürzlich eine neue Straße entstanden, die den Namen der berühmten Jüdin, Denkerin und Publizistin Hannah Arendt trägt. Die Straße entwickelt sich stetig weiter und wird modernisiert. In letzter Zeit sind hier zahlreiche Neubauten entstanden. So hat die in der Stadt bekannte Wohnungsbaugesellschaft GSG Mehrfamilienhäuser errichtet und es wurden Einfamilienhäuser nach individuellen Entwürfen gebaut. Da an die Straße weitläufige unbebaute Flächen grenzen, ist in naher Zukunft mit der Entstehung eines schönen architektonischen Ensembles zu rechnen.

Straßenschild mit dem Namen Hannah Arendt, Oldenburg, © Foto: Elena Ljubarova

Hannah-Arendt-Straße, Oldenburg, © Foto: Elena Ljubarova

Hannah-Arendt-Straße, Oldenburg, © Foto: Elena Ljubarova

Hannah-Arendt-Straße, Oldenburg, © Foto: Elena Ljubarova

Hannah-Arendt-Straße, Oldenburg, © Foto: Elena Ljubarova

Hannah-Arendt-Straße, Oldenburg, © Foto: Elena Ljubarova

Die Bauarbeiten in der Hannah-Arendt-Straße gehen weiter © Foto: Elena Ljubarova

Autor: Yakub Zair-Bek
Fotografien aus dem Archiv des Autors und aus frei zugänglichen Quellen




Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 7. Rechtsanwalt und Notar Ernst Löwenstein

Ernst Löwenstein, 1946 ©Niedersächsisches Landesarchiv Oldenburg

In den vorherigen Kapiteln dieser Essayreihe über jüdische Namen auf dem Stadtplan habe ich unseren Lesern von herausragenden Persönlichkeiten jüdischer Herkunft und ihrem Lebensweg berichtet. Dabei ging es um ihre Rolle bei der Entwicklung des jüdischen Lebens in Oldenburg und der Region. Unter anderem habe ich über die Rabbiner Dr. Prof. Leo Treppe und Dr. Philipp de Haas sowie über Adolf Daniel de Beer den Vorsitzenden der örtlichen jüdischen Gemeinde, berichtet. Sie alle hatten einen unmittelbaren Bezug zu Oldenburg, weshalb dort Straßen nach ihnen benannt wurden. In diesem Kapitel werde ich meine Erzählung fortsetzen und den Lesern einen weiteren berühmten jüdischen Einwohner Oldenburgs vorstellen: den Rechtsanwalt und Notar Ernst Löwenstein. Selbstverständlich werde ich dabei auch auf die nach ihm benannte Straße eingehen.

Ernst Löwenstein wurde am 7. April 1881 in Jever als Sohn von Hermann Hirsch Löwenstein und Meta Löwenstein, geborene Moses, in einer jüdischen Familie geboren. Von 1891 bis 1900 besuchte er das Mariengymnasium in Jever und machte dort sein Abitur. Anschließend begann er ein Jurastudium an der Universität Berlin, wechselte jedoch bereits nach einem Jahr an die Universität München. Nach einem Semester in München zog er nach Leipzig, wo er im März 1903 sein Studium erfolgreich abschloss und im Juli desselben Jahres sein erstes Staatsexamen in Rechtswissenschaften bestand.

Ab Oktober 1903 absolvierte Löwenstein ein Rechtsreferendariat in Jever und Oldenburg, welches jedoch 1904 durch seinen Wehrdienst unterbrochen wurde. Im November 1908 legte er schließlich die Anwaltsprüfung ab und wurde als Rechtsanwalt zugelassen.

Ernst Löwenstein begann im November 1909 seine Karriere als Rechtsanwalt am Landgericht Oldenburg. Er blieb in dieser Position bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, kehrte nach seiner Rückkehr aus dem Krieg dorthin zurück und blieb bis zum Ende seiner Karriere dort. Während des Krieges kämpfte er von 1914 bis 1918 an der Front für das Deutsche Reich, wofür er später mit dem Ehrenzeichen für Frontkämpfer ausgezeichnet wurde.

Im Jahr 1920 heiratete Ernst Löwenstein Elsa de Bour (geb. 1896), eine Protestantin, die zum Judentum konvertiert war. Das Paar hatte zwei Kinder: Hermann (geb. 1921) und Anneliese (geb. 1922).

Nach der Einführung des Notariatssystems im Freistaat Oldenburg wurde Ernst Löwenstein im Dezember 1921 als Notar zugelassen. Nachdem sein Antrag auf Zulassung zum Oberlandesgericht bewilligt worden war, erhielt er das Recht, gleichzeitig am Landgericht und am Oberlandesgericht Oldenburg zu arbeiten.

Ernst Löwenstein war von 1922 bis 1933 Mitglied des Vorstands der Oldenburger Rechtsanwaltskammer sowie von 1929 bis 1933 Mitglied des Ehrengerichts. 1929 wurde er stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Oldenburg unter dem Vorsitz von Adolf de Bir. Darüber hinaus gründete er gemeinsam mit dem damaligen Oldenburger Landesrabbiner Leo Trepp eine jüdische Schule in der Stadt. Neben der Förderung der Bildung der Kinder war es ihm ein besonderes Anliegen, ihnen die Möglichkeit zu geben, den jüdischen Glauben zu bewahren und darin Trost und Unterstützung zu finden. Die Vertretung der Interessen der Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Oldenburg war für ihn von zentraler Bedeutung. Dies war einer der Gründe, warum er 1946 zum Vorsitzenden der Jüdischen Kultusvereinigung Oldenburg gewählt wurde.

Mariengymnasium, Jever, moderne Fotografie ©ML Preiss
Das Landgericht, jetzt Amtsgericht, Oldenburg, modernes Foto ©Amtsgericht Oldenburg
Oberlandesgericht Oldenburg, modernes Foto ©oberlandesgericht-oldenburg.niedersachsen.de

Verhaftete jüdische Männer, Oldenburg, 10. November 1938 ©Stadtmuseum Oldenburg

Boykott jüdischer Geschäfte, Deutschland, 1933 ©commons.wikimedia.org

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde im Rahmen des Aufrufs zum Boykott jüdischer Unternehmen und Dienstleistungsbereiche ein SA-Posten vor Löwensteins Büro eingerichtet. Auf den Plakaten, auf denen die Namen jüdischer Unternehmer standen, war auch sein Name zu lesen.

In der Hoffnung, weitere Repressionen zu vermeiden, leistete Ernst Löwenstein am 13. Juni 1934 Adolf Hitler den Eid. Etwa ein Jahr später erkannte er seinen Fehler, als ihm durch eine Entscheidung des Obersten Landesgerichts Oldenburg die Ausübung seines Notarberufs untersagt, seine Notariatslizenz entzogen und er aus dem Reichsjustizministerium entlassen wurde. Kurz darauf erhielt er auch die Kündigung aus seiner Notariatskanzlei. Dennoch übte Löwenstein seinen Beruf als Rechtsanwalt weiterhin aus. In den folgenden Jahren ging seine Anwaltstätigkeit jedoch stetig zurück, sodass er damit kein Einkommen mehr erzielen konnte.

Während der „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 wurden Ernst Löwenstein und sein Sohn Hermann verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Am 24. November 1938 wurden sie vermutlich dank des Versprechens einer baldigen Auswanderung aus dem Lager entlassen.

Nachdem ihm im November des Vorjahres die Zulassung als Rechtsanwalt am Oberlandesgericht Oldenburg entzogen worden war, wanderte Ernst Löwenstein am 6. Januar 1939 in die westlich von Amsterdam gelegene niederländische Stadt Hillegom aus. Er war dadurch sowohl beruflich als auch finanziell ruiniert. Nach einem kurzen Aufenthalt in Hemstede zog er nach Amsterdam, wo er als Berater für Emigrationsfragen im örtlichen Judenrat tätig war. Nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen wurde er im Herbst 1940 erneut verhaftet und verbrachte etwas mehr als einen Monat in Haft. Ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung erklärte ihn anschließend für tot, obwohl er sich in Wirklichkeit bei einem jüdisch-protestantischen Ehepaar versteckt hielt. Aufgrund von Drohungen der Gestapo, ihn zur Zwangsarbeit zu schicken, ließ sich Ernsts Frau Elsa 1941 von ihm scheiden.

Von 1942 bis Mitte 1944 arbeitete Ernst Löwenstein in einer jüdischen Wohltätigkeitsorganisation, in der er jüdischen Familien bei der Auswanderung aus den Niederlanden half. Ernst Löwenstein überlebte den Krieg relativ unbeschadet – abgesehen von seinen ernsthaften Gesundheitsproblemen. Die Familie Löwenstein lebte während des gesamten Krieges getrennt voneinander. Seine Frau Elsa zog nach Peine in Niedersachsen, seine Tochter Anneliese zunächst nach Leipzig und später ebenfalls nach Peine, während sein Sohn Hermann den Krieg in Belgien und anschließend in Frankreich verbrachte. Nach dem Krieg kehrte er zu seiner Mutter und seiner Schwester nach Peine zurück. Ernst Löwenstein traf erst im Oktober 1945 dort ein.

Seine verspätete Rückkehr nach Deutschland hing mit der Schließung der niederländischen Grenzen nach dem Krieg zusammen. Diese Maßnahme sollte die Nazis an der Flucht hindern. Davon war auch Löwenstein betroffen. Er musste zunächst mit einem britischen Lastwagen nach Deutschland gebracht werden, bevor er zu seiner Familie zurückkehren konnte. Mitte November 1945 kehrte die wiedervereinigte Familie Löwenstein nach Oldenburg zurück.

Das Gebäude in der Cäcilienstraße, in dem sich der Gebetsraum der jüdischen Gemeinde Oldenburg befand, eine moderne Fotografie. Foto aus dem Archiv des Autors.

Als britische Besatzungstruppen am 7. Mai 1945, einen Tag vor dem Zusammenbruch des Dritten Reichs, in Oldenburg einmarschierten, gab es die zuvor blühende jüdische Landgemeinde bereits nicht mehr. Man nimmt an, dass zu diesem Zeitpunkt kein einziger Jude mehr in der Stadt lebte. Doch bald kehrten einige Mitglieder der ehemaligen jüdischen Gemeinde in die Stadt zurück. Es handelte sich dabei hauptsächlich um diejenigen, denen es gelungen war, aus Deutschland auszuwandern, oder die „arische” Ehepartner hatten und daher während der Nazizeit entweder durch Zwangsarbeit oder als Häftlinge im Konzentrationslager Theresienstadt überleben konnten. Einige der Rückkehrer – darunter der ehemalige Vorsitzende der Vorkriegsgemeinde, Adolf de Bir, sein Stellvertreter Ernst Löwenstein sowie Frida Meyers – versuchten, das jüdische Leben in der Stadt wiederzubeleben. Die Zahl derer, die sich dieser Gruppe anschlossen, war jedoch gering: nur einige Oldenburger sowie Menschen aus verschiedenen Ländern, die nach dem Krieg durch eine Fügung des Schicksals in Oldenburg gelandet waren. Dennoch gelang es Ende 1945 mit Unterstützung der britischen Militärverwaltung, die „Jüdische Kulturgemeinschaft Oldenburg” als Nachfolgerin der Vorkriegsgemeinde zu gründen. Allerdings besaß diese Gruppe keine Synagoge mehr, da die Nationalsozialisten diese in der „Reichskristallnacht” im Jahr 1938 zerstört hatten. Mit Hilfe der Militärbehörden der Stadt gelang es der Jüdischen Kulturgemeinschaft schließlich im Herbst 1946, eigene Räumlichkeiten im Haus Nr. 9 in der Cäcilienstraße zu beziehen.

In einem dieser Räume wurde ein Gebetsraum eingerichtet. Über dessen feierliche Eröffnung berichtete die lokale Zeitung am 31. Oktober 1946: „Es war ein ergreifender Augenblick, als die Rolle mit der Heiligen Schrift in den kleinen Raum getragen wurde, in dem das winzige Häuflein Überlebender… versammelt war. Woran diese Menschen gedacht und was sie gefühlt haben mögen in jenem Augenblick, das ist nicht schwer zu begreifen. Sie dachten an ihre nächsten Verwandten, an alle, die ihnen lieb waren, die Gequälten, von der Hand derer ermordet, die vorgaben, all das im Namen des deutschen Volkes zu tun. Fast genau vor acht Jahren wurde die Synagoge niedergebrannt. Heute genügt ein kleiner Gebetsraum, nach der Zeit der Verfolgung die wenigen Überlebenden aufzunehmen“.

Nur wenige Tage nach seiner Ankunft in Oldenburg am 22. November 1945 beantragte Ernst Löwenstein seine Wiederzulassung als Rechtsanwalt und Notar sowie seine Entnazifizierung. Beide Anträge wurden sofort bewilligt, und er wurde am 21. Januar 1946 erneut als Rechtsanwalt und Notar vereidigt. Darüber hinaus wurde er wieder in seine Ämter als Mitglied des Anwaltsrats und des Ehrengerichts (Disziplinargerichts) eingesetzt. Er war der einzige Anwalt in Oldenburg, der das Recht erhielt, sowohl am Landgericht als auch am Oberlandesgericht zu arbeiten. Dies war vor allem darauf zurückzuführen, dass er während der Nazizeit verfolgt worden war.

Ernst Löwenstein war von Januar bis November 1946 unabhängiger Abgeordneter im Landtag von Oldenburg. Am 2. April 1946 heiratete er seine Frau Elsa zum zweiten Mal. Noch im selben Jahr wurde er zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Oldenburg gewählt.

Dennoch gaben Ernst und Elsa Löwenstein im April 1951 ihre Auswanderung bekannt und ließen sich kurze Zeit später in Omaha, Nebraska, nieder. Über die konkreten Gründe für Löwensteins Entscheidung, in die USA auszuwandern, kann nur spekuliert werden. Einerseits nennen ehemalige Kollegen und Zeitgenossen seine Unzufriedenheit mit der beruflichen Situation als Motiv für die Emigration, während Verwandte und Bekannte auf persönliche Gründe verweisen. Dazu zählen die Auswanderung seines Sohnes in die USA sowie die Befürchtung eines Anstiegs des Antisemitismus in Deutschland.

Das Gebäude des ehemaligen Oldenburger Landtags, Landtag des Großherzogtums Oldenburg, ein modernes Foto ©oldenburg-tourismus.de

Ernst Löwenstein war eine Zeit lang beruflich in den USA tätig. Aufgrund rechtlicher Beschränkungen konnte er seine Tätigkeit als Anwalt dort jedoch nicht fortsetzen. Deshalb beendete er 1954 seine Karriere und zog elf Jahre später nach Canoga Park im Bundesstaat Kalifornien. Er kehrte nie nach Deutschland zurück und verbrachte seine letzten Lebensjahre im wohlhabenden Kalifornien, wo er am 4. Juni 1974 im Alter von 93 Jahren verstarb.

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Die Einwohner des niedersächsischen Oldenburgs würdigen ihren Landsmann Ernst Löwenstein: Eine der Straßen im grünen Oldenburger Stadtteil Etzhorn, der vorwiegend von schönen Einfamilienhäusern mit gepflegten Gärten geprägt ist, wurde nach Ernst Löwenstein benannt: die Ernst-Löwenstein-Straße. Sie bewahrt das Andenken an Ernst Löwenstein, der vor dem Krieg stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Oldenburgs war und nach dem Zweiten Weltkrieg den Vorsitz des Vorstands des „Jüdischen Kultusvereins Oldenburg” innehatte.

Straßenschild mit dem Namen Ernst Löwenstein, Oldenburg © Foto des Autors

Straßenschild mit dem Namen Ernst Löwenstein, Oldenburg © Foto des Autors

Privathäuser in der Ernst-Löwenstein-Straße © Foto des Autors

Ernst-Löwenstein-Straße © Foto des Autors

Grundschule an der Ecke Ernst-Löwenstein-Straße und Butjadinger Straße © Foto des Autors

Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors und aus frei zugänglichen Quellen




Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 6. Das Mädchen aus Amsterdam – Anne Frank

Das tragische Schicksal der jüdischen Amsterdamerin Anne Frank ist vielen bekannt. Ebenso bekannt ist ihr berühmtes Tagebuch, das in 67 Sprachen übersetzt wurde und der Welt eine der tragischsten Seiten der modernen Geschichte berichtete: den Holocaust. Das Tagebuch der Anne Frank, Monografien und zahlreiche Artikel zu diesem Thema sind weltweit in vielen Auflagen erschienen. In diesen Veröffentlichungen geht es unter anderem darum, wie im August 1944 das Versteck, das Anne „das Hinterhaus“ nannte, durch den Verrat eines Informanten der Gestapo entdeckt wurde. Alle Bewohner wurden verhaftet und in Konzentrationslager deportiert. Über all diese Ereignisse sind die Leserinnen und Leser unserer Webseite vermutlich informiert. Über Annes Aufenthalt in den nationalsozialistischen Lagern war jedoch über viele Jahrzehnte nahezu nichts bekannt, abgesehen von der Tatsache, dass sie und ihre ältere Schwester Margot im Konzentrationslager Bergen-Belsen starben, das sich auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsens befindet. Deshalb möchte ich von den letzten Monaten im Leben Anne Franks berichten – eines der bekanntesten Opfer des Nationalsozialismus.

Anne Frank Франк ©commons.wikimedia.org

Als der Dokumentarfilm „Die letzten sieben Monate der Anne Frank“, der von ihrem Leben nach der Verhaftung erzählt, im niederländischen Fernsehen gezeigt wurde, wirkte er wie eine regelrechte Informationsbombe. In den Film wurden Interviews mit mehreren ehemaligen KZ-Häftlingen aufgenommen, die Anne persönlich gekannt hatten. Aus ihren Berichten ergibt sich ein tragisches Bild vom allmählichen Verlöschen eines 15-jährigen Mädchens infolge von Zwangsarbeit, Hunger und Infektionskrankheiten. Als das Haus, in dem sich die Familie Frank versteckt hielt, von der niederländischen Polizei und der Gestapo durchsucht wurde, fanden die Beamten hinter einem Bücherschrank eine Tür, hinter der sich acht Menschen 25 Monate lang verborgen gehalten hatten.

Denkmal für Anne Frank in Amsterdam in der Nähe des Hauses, in dem sich das Versteck befand ©commons.wikimedia.org

Familie Frank bei einem Spaziergang in Amsterdam, 1941 ©commons.wikimedia.org

Kenotaph für Anne und Margot Frank auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen ©commons.wikimedia.org

Die Verhafteten wurden vier Tage lang im Gefängnis festgehalten und anschließend in das niederländische Durchgangslager Westerbork deportiert. Dort wurden sie dem „Strafkommando“ zugewiesen und zu schwersten Arbeiten eingesetzt. Am 3. September 1944 wurden sie mit dem letzten Transport, der niederländische Juden in diese nationalsozialistische Todesfabrik brachte, nach Auschwitz deportiert. Bei der Ankunft in Auschwitz wurden Anne, ihre Mutter und ihre Schwester gewaltsam vom Vater getrennt. Alle wurden der Selektion durch Dr. Josef Mengele unterzogen, der darüber entschied, wer in das Lager eingeliefert wurde. Die Hälfte der Ankommenden – darunter alle Kinder unter fünfzehn Jahren – wurde direkt in die Gaskammern geschickt. Anne hatte „Glück“: Sie war bereits einige Monate zuvor fünfzehn geworden. Edith, die Mutter von Margot und Anne, sowie beide Mädchen wurden in den Block Nr. 29 eingewiesen. Ronnie Goldstein, eine der Holocaust-Überlebenden, die in dem niederländischen Dokumentarfilm interviewt wurden, berichtete, dass sie die Familie Frank erstmals im Lager Westerbork kennengelernt habe. Später trafen sie sich auch in Auschwitz wieder. Einige Wochen nach ihrer Ankunft im Lager erkrankte Anne an Krätzmilbenbefall. „Das Mädchen sah schrecklich aus, ihr ganzer Körper war von Geschwüren bedeckt. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide“, erinnerte sich Ronnie. Am 30. Oktober 1944, als die Rote Armee bereits in der Nähe des Lagers stand, führte Mengele im Frauenlager Auschwitz-Birkenau eine weitere Selektion durch. Anne und Margot wurden von Edith getrennt und gemeinsam mit 634 Frauen in das Lager Bergen-Belsen bei Hannover überstellt. Edith Frank, die in Auschwitz zurückblieb, starb Anfang 1945 an Entkräftung. In Bergen-Belsen gab es zwar keine Gaskammern, doch zwischen 1943 und 1945 starben dort etwa 50.000 Häftlinge, mehr als 35.000 davon an Fleckfieber. „Der Typhus war die schlimmste Plage von Bergen-Belsen“, erinnert sich Rachel Ammerongen-Frankfoorder, die ebenfalls in Westerbork mit den Schwestern Frank Bekanntschaft gemacht hatte. „Anne und Margot litten jedoch nicht nur an Typhus, sondern auch an Hunger und Kälte. Sie hatten die schlechtesten Plätze im Block erwischt – im Durchzug, direkt an der Eingangstür. Ich war Zeugin, wie die Schwestern nach und nach starben.“ Am ausführlichsten berichtete Janny Brandes-Brilleslijper, die das Lager überlebte, über die letzten Tage der Schwestern Frank: „Ich erinnere mich an Anne kurz vor ihrem Tod. Sie stand vor mir, in eine Decke gehüllt. Sie konnte die Lagerkleidung nicht tragen, da sie wimmelte nur so von Läusen und Flöhen. Es war Winter, und außer dieser Decke hatte sie nichts am Körper. Ich sammelte einige Sachen zusammen und gab sie Anne, damit sie sich wenigstens etwas wärmen konnte.“ In Bergen-Belsen begegnete Anne Frank zwei ihrer Freundinnen wieder: Hannah Goslar und Nanette Blitz. Nanette war eine Schulfreundin von Anne; sie hatten gemeinsam das jüdische Lyzeum in Amsterdam besucht. Hannah und Nanette beschrieben Anne aus dieser Zeit als ausgemergelt, zitternd und fast völlig kahl. „Als ich sie zum letzten Mal sah“, erzählte Nanette, „war sie sehr schwach, nur noch Haut und Knochen, in eine Decke gewickelt … Wir erkannten einander kaum wieder und konnten nur wenige Worte wechseln.“ Margot sahen sie nie, denn sie war so krank, dass sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Anne sagte ihren Freundinnen, sie glaube, dass ihre Eltern gestorben seien, weshalb sie keinen Lebenswillen mehr verspüre. Die Schwestern Janny und Lien Brilleslijper, die sich bereits in Westerbork mit Margot und Anne angefreundet hatten, erinnerten sich daran, dass Margot kurz vor ihrem Tod völlig entkräftet von der Pritsche auf den Zementboden gefallen war und bewusstlos liegen geblieben war. Doch niemand hatte mehr die Kraft, sie aufzuheben. Anne hatte hohes Fieber und Hautausschläge und sprach häufig im Delirium. Beide Schwestern zeigten deutliche Symptome des Fleckfiebers. Margot starb Anfang März 1945, danach verlor Anne endgültig den Willen zum Weiterleben. Einige Tage später fanden Lien und Janny ihren Platz auf der Pritsche leer. Anne lag außerhalb des Blocks. Mit letzter Kraft schleppten Lien und Janny ihren Körper zur Massengrabstelle, wohin sie zuvor auch Margot gebracht hatten. Die Schwestern Frank starben nur wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers durch die britische Armee am 15. April 1945; ihre genauen Todesdaten und Begräbnisorte sind unbekannt. Zur Eindämmung der Typhus-Epidemie beschlossen die britischen Behörden, alle Baracken und Gebäude des Lagers zu verbrennen.

Otto Frank, der Vater von Anne ©commons.wikimedia.org

Nanette Blitz, die den Holocaust überlebte, erinnerte sich später: „Anne war ein lebensfrohes Mädchen. Sie liebte es, zu reden, und Jungen gefielen ihr. Wenn sie am Leben geblieben wäre, bin ich sicher, sie wäre eine großartige Schriftstellerin geworden.“ Nanette wusste von Annes Tagebuch: „Manchmal gelang es uns, uns im Lager Nr. 7 in Bergen-Belsen zu treffen. Anne erzählte mir von ihrem Tagebuch und sagte, dass sie es als Grundlage für ein Buch verwenden wolle, in dem sie berichten wollte, was wir durchmachten.“

Otto Frank, der Vater von Anne und Margot, war das einzige Mitglied der Familie Frank, das die nationalsozialistischen Lager überlebte. Nach dem Krieg kehrte er nach Amsterdam zurück, wo man ihm das von Freunden gerettete Tagebuch seiner Tochter Anne übergab. Ursprünglich hatte er nicht vor, das Tagebuch zu veröffentlichen, doch später entschloss er sich dazu – bewegt durch die Bitten und Ratschläge von Freunden.

Das Tagebuch der Anne Frank hat eine lange und vielfältige Publikationsgeschichte in vielen Ländern und Sprachen. Erstmals erschien es 1947 in den Niederlanden unter dem Titel Het Achterhuis („Das Hinterhaus“/„Das Versteck“). In den USA und Großbritannien wurde das Buch 1952 unter dem Titel The Diary of a Young Girl („Das Tagebuch eines Mädchens“) veröffentlicht und erlangte daraufhin rasch weltweite Bekanntheit. Die russische Übersetzung von Rina Wright-Kovaljowa mit einem Vorwort von Ilja Ehrenburg erschien erstmals 1960. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1950, allerdings in einer gekürzten Ausgabe. Besonders große Verbreitung fand später die stark beachtete Edition von 1988, die vom Verlag Fischer herausgegeben wurde und durch ihr Titelbild mit dem roten Tagebuch leicht wiederzuerkennen ist.

Umschläge verschiedener Ausgaben des „Tagebuchs“ in unterschiedlichen Sprachen ©Anne Frank Fonds, Basel

Im Jahr 1948 leitete die Amsterdamer Polizei ein Verfahren zur Ermittlung des Verräters ein. Dieser hatte der Gestapo den Aufenthaltsort der Untergetauchten verraten. Den Polizeiberichten zufolge existierte diese Person, doch ihr Name war nicht bekannt. Festgestellt wurde lediglich, dass sie für jeden ausgelieferten Juden eine Belohnung von siebeneinhalb Gulden erhalten hatte. Da sich Otto Frank weigerte, an der Untersuchung teilzunehmen, wurde das Verfahren eingestellt, jedoch 1963 wieder aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Tagebuch bereits weltweite Bekanntheit erlangt und es gab Forderungen von allen Seiten, den Verräter zu finden und zu bestrafen, durch dessen Schuld unschuldige Menschen ums Leben gekommen waren. Bis heute wurde jedoch aufgrund fehlender gewichtiger Beweise niemand wegen Denunziation verurteilt. Bemerkenswert ist, dass das Niederländische Institut für Kriegsdokumentation im Jahr 2003, also nahezu 60 Jahre nach den Ereignissen, eine letzte Untersuchung durchführte. Die Experten kamen zu dem Schluss, dass die Verdächtigen unschuldig sind. Höchstwahrscheinlich wird der Verräter niemals gefunden, denn heute leben keine Zeugen dieser Ereignisse mehr.

Das Tagebuch der Anne Frank ©commons.wikimedia.org

Miep Gies war die letzte noch lebende Beteiligte und starb im Jahr 2010, kurz vor ihrem 101. Geburtstag. Sie hatte das Tagebuch im Versteck gefunden und nach dem Krieg Annes Vater übergeben. Dieser starb 1980 in der Schweiz und vermachte das Original dem Niederländischen Institut für Kriegsdokumentation. Das Institut führte umfangreiche Untersuchungen durch und stellte durch verschiedene Gutachten die unzweifelhafte Authentizität des Tagebuchs sowie Annes Autorschaft fest. Damit wurde ein endgültiger Schlussstrich unter die „Diskussion” mit Pamphletisten und Holocaustleugnern gezogen, die das Tagebuch fälschlicherweise als Fälschung bezeichnet hatten.

Das Tagebuch der jüdischen Jugendlichen Anne Frank ist eines der bekanntesten und eindrucksvollsten Dokumente über die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Es ist ein bedeutendes Zeugnis der Katastrophe des europäischen Judentums und hat ihren Namen weltweit berühmt gemacht. In vielen Städten Europas und darüber hinaus sind Straßen, Schulen und andere Einrichtungen nach Anne Frank benannt. Zu ihren Ehren wurden Briefmarken herausgegeben und Denkmäler errichtet. Zudem existiert das Anne-Frank-Haus bzw. das Anne-Frank-Museum.

Briefmarke der Bundesrepublik Deutschland mit dem Porträt von Anne Frank (Foto aus der philatelistischen Sammlung des Autors)

Kinderspielplatz im Namen von Anna Frank
©Stadtmuseum Oldenburg

Straßenschild mit dem Namen Anne Frank, Oldenburg.
Foto: ©DerBote-DerShlikh

Die Internationale Astronomische Union hat den Namen „Anne Frank” sowohl einem Asteroiden als auch einem Krater auf der Venus verliehen. Auch in Oldenburg gibt es ein Objekt, das diesen Namen trägt. Im Jahr 2015 wurde einer der Plätze im Oldenburger Stadtteil Donnerschwee, auf dem sich ein großer Kinderspielplatz befindet, in „Anne-Frank-Platz” umbenannt. Das hat eine gewisse Symbolik: Der Platz, auf dem der Kinderspielplatz errichtet wurde, ist nach einem Mädchen benannt, dessen Kindheit durch die brutale Nazi-Diktatur zerstört wurde.

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Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors und aus offenen Quellen




Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 5. Schriftstellerin und Feministin Rachel Varnhagen

Rahel Varnhagen hinterließ bei ihren Zeitgenossen einen tiefen Eindruck. Der dänische Schriftsteller Georg Brandes nannte sie „die erste große moderne Frau in der deutschen Kultur“ und der sie gut kennende große deutsche Dichter Heinrich Heine bezeichnete sie als „die klügste Frau des Universums“. Im Grunde genommen begann mit ihr die Frauenemanzipation in Deutschland, denn sie war die Erste, die die bestehende gesellschaftliche Stellung der Frau entschieden kritisierte. Für unsere Generation ist das Wirken dieser außergewöhnlichen Frau jedoch eindeutig noch unzureichend bekannt. Dennoch trägt eine Straße im niedersächsischen Oldenburg ihren Namen.

Rahel Antonia Friederike Varnhagen ©commons.wikimedia.org

Rahel Antonia Friederike Varnhagen von Ense wurde im Mai 1771 in Berlin als Tochter des Bankiers und Juwelenhändlers Markus Levin und seiner Frau Chaja in einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Neben Rahel gab es in der Familie noch vier weitere Kinder, die im Geist des orthodoxen Judentums erzogen wurden. Rahel erhielt für jene Zeit eine ausgezeichnete Bildung. Neben Deutsch beherrschte sie auch Hebräisch und Französisch und lernte Klavierspielen, Tanzen und Handarbeiten. Ihre Umgebung bemerkte früh den tiefen und scharfen Verstand des Kindes. Doch Rahel selbst fand in ihrer Familie wenig Verständnis und litt darunter. Ihre Kindheit und Jugend waren alles andere als leicht: Ihr Vater war ein jähzorniger und eitler Mann, der die romantische Natur seiner Tochter nicht verstand und sie unterdrückte. Zwar litt sie als Mitglied einer reichen Familie keine materiellen Notstände und konnte sich vieles leisten. Dennoch bedrückten Rahel ihr „niedriger” sozialer Ursprung und die Tatsache, dass sie eine Frau war. Eine Frau zu sein, so Rahel, bedeute, „am Rand der Gesellschaft zu stehen“, denn Frauen seien Wesen, „für deren eigene Kräfte es keinen Raum gibt; sie müssen den Fuß stets dorthin setzen, wo gerade ein Mann gestanden hat“. Rahel Levin beklagte, dass Frauen alles verboten sei, was außerhalb des Hauses liege – umso mehr einer Jüdin. Ihr Judentum verleugnete sie nie, betrachtete es jedoch als ihr Unglück und eine weitere Einschränkung, die es ihr nicht erlaubte, die gleichen Rechte wie Männer zu besitzen. Außerdem hielt sie sich für unattraktiv und versicherte dies allen Freunden und Verwandten. Tatsächlich war sie in ihrer Jugend keine klassische Schönheit, doch mit den Jahren wurde sie zu einer anziehenden Frau mit einem matten Teint, großen schwarzen Augen und schönen, lockigen Haaren.

Рахель Фарнхаген (с картины неизвестного художника) ©commons.wikimedia.org

R. Varnhagen, Bleistiftzeichnung, Künstler: W. Henze, 1822 ©commons.wikimedia.org

Porträt von Rahel Varnhagen, Künstler: Moritz Michael Daffinger, 1817 ©commons.wikimedia.org

Der literarische Kreis, der sich in ihrem Salon versammelte, wurde zu einem Zentrum des Freigeistes, der Literatur, der Kunst, der Wissenschaft und des gesellschaftlichen Engagements. Rahel Levin lebte das Leben ihrer Gesprächspartner, drang in ihre Seelen ein und nährte sie geistig. Die Gespräche mit ihr und ihre Briefe waren ihren Adressaten sehr wichtig. War dabei auch Liebe im Spiel? Wahrscheinlich ja. Es war jedoch eine besondere Art von Liebe: romantisiert, ohne leidenschaftliche Ausbrüche, eher platonisch als sinnlich. Zu Rahels Briefpartnern zählte niemand Geringerer als der große Ludwig van Beethoven. Zwischen ihnen bestand ein zartes Gefühl, und der Komponist bat die junge Frau sogar um ihre Hand. Doch Rahels offenes Bekenntnis zu ihrem Judentum führte zu seiner plötzlichen Abreise. Einige Tage später schrieb er ihr jedoch einen Brief voller Liebesbeteuerungen. Er schlug ihr vor, das Judentum aufzugeben und ihn zu heiraten: „Ich bin nicht imstande, mich von dir zu trennen, obwohl du Jüdin bist. Die Heilige Schrift kennt die Namen der Helden deines Volkes. Niemand bemitleidet dein Volk, und unsere Priester schmähen unaufhörlich dessen Vergangenheit.“ Rahel antwortete: „Ich schreibe Ihnen zum letzten Mal. Sie beleidigen mein Volk. Die Leiden unserer Vorfahren haben den Segen des Himmels für ihre Nachkommen erworben. Kein Volk zeichnet sich durch eine solche Standhaftigkeit aus wie Israel …“

Im persönlichen Leben von Rahel Levin gab es viele Unstimmigkeiten und traurige Ereignisse, die ihre Stimmung und ihr Weltgefühl prägten. Zweimal unternahm sie erfolglose Versuche, einen Aristokraten zu heiraten. Nach dem Tod ihrer Mutter nahm sie schließlich das Christentum an und heiratete im Alter von 42 Jahren den nicht hochadeligen Karl August Varnhagen von Ense, der als Kritiker, Übersetzer – er war der Erste, der Puschkin ins Deutsche übertrug – und Diplomat tätig war. Ihr Ehemann war 14 Jahre jünger, doch sie glich diesen Altersunterschied mühelos durch den Glanz ihres Intellekts aus. Durch die Ehe konnte Rahel ihren Salon von der Mansarde des Elternhauses in ihr eigenes, stattliches Haus in Berlin verlegen.

Dort erhielt der Salon neuen Auftrieb. Immer mehr berühmte Persönlichkeiten zog es dorthin. Ein Zeitgenosse, der Rahel Varnhagens Salon besuchte, schrieb: „Worüber sprach sie nicht während einer Stunde des Gesprächs! Alles, was sie sagte, hatte aphoristischen Charakter, war entschieden, feurig und ließ keinerlei Widerspruch zu. Ihre Gesten waren lebhaft, ihre Sprache schnell. Man sprach über alles, was die Gemüter in Kunst und Literatur bewegte.“ Auch der junge Dichter Heinrich Heine besuchte den Salon Rahel Varnhagens. Sie erkannte sein Talent sofort und zwischen ihnen entwickelten sich eine vertrauensvolle und freundschaftliche Beziehung. Heine schrieb in seinen Briefen häufig, dass ihn niemand so gut verstehe wie Rahel. Sie verband auch ihre jüdische Herkunft. Beide strebten nach gesellschaftlicher Anerkennung und konvertierten zum Christentum, um, wie Heine sagte, „das Eintrittsbillet zur europäischen Kultur“ zu erhalten. Auch nach seiner Abreise aus Berlin führte Heine noch lange einen Briefwechsel mit Rahel, die seine Muse und Inspiration war. Er widmete ihr sein Gedichtbuch „Die Heimkehr“.

Der Salon von Rahel Varnhagen in Berlin ©commons.wikimedia.org

Hier sind vier Zeilen daraus:

Ich sah die Tränen an deinen Fingern,
Und sank auf die Knie mit Flehen.
Ich trank sie langsam von deinen Fingern
Mit heißen Lippen.

Heinrich Heine ©commons.wikimedia.org

Рахель Фарнхаген (художник Мориц Михаэль Даффингер) ©commons.wikimedia.org

Doch selbst nach ihrer Konversion zum Christentum konnte sich Rahel nicht von der historischen Bestimmung des Judentums lösen. In einem ihrer Briefe schrieb Rahel Varnhagen, dass sie sich „ihrer jüdischen Geburt nicht mehr schäme“. Sie betonte, dass eine Assimilation der Juden unmöglich sei, solange der ihnen gegenüber bestehende Hass in der Gesellschaft weiterbestehe.

Trotz ihrer herausragenden Fähigkeiten, ihrer Kenntnisse in verschiedenen Kulturbereichen, ihrer Bildung und ihres Talents ist Rahel Varnhagen als Schriftstellerin nicht in dem Maße hervorgetreten, wie es möglich gewesen wäre. Sie veröffentlichte ihre Artikel und Rezensionen anonym oder unter verschiedenen Pseudonymen. Interessanterweise sind diese bis heute nicht vollständig aufgefunden oder katalogisiert worden. Rahel starb im Alter von 62 Jahren und wurde in Berlin, der Stadt, in der sie geboren wurde und ihr ganzes Leben verbrachte, beigesetzt. Noch zu Lebzeiten bereitete sie die Herausgabe ihrer Briefe vor. Drei Bände erschienen unmittelbar nach ihrem Tod dank der Bemühungen ihres Mannes unter dem Titel „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde“. Darin fanden sich sechstausend ihrer Briefe an mehr als dreihundert Adressaten. Leider verbrannten mehr als zwanzig ihrer Briefe an Heinrich Heine im Haus seiner Mutter während eines verheerenden Feuers in Hamburg. Erhalten geblieben sind außerdem dreizehn Hefte mit Tagebuchaufzeichnungen und kurzen Notizen Rahels, die Karl Varnhagen ebenfalls für die Veröffentlichung heranzog. Seitdem wurde dieses Buch mehrfach neu aufgelegt. In ihm lebt die große Seele dieser kleinen Frau gleichsam weiter.

Grab von Rahel Varnhagen in Berlin ©commons.wikimedia.org

Briefmarke der Bundesrepublik Deutschland mit dem Porträt von R. Varnhagen (Foto aus der philatelistischen Sammlung des Autors)

Das Bild dieser klugen, romantischen, melancholischen und tief einfühlsamen Frau wurde in den 1930er-Jahren von der bekannten Schriftstellerin und Philosophin Hannah Arendt in dem Buch Rahel Varnhagen: Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik neu gestaltet. Als Arendt Deutschland, das zu dieser Zeit vom Nazismus überzogen war, verließ, gelang es ihr, das Manuskript dieses Buches mitzunehmen, das sie 1958 veröffentlichte.

Das Andenken an die große jüdische Frau Rahel Levin-Varnhagen ist in ihrer Heimat bis heute lebendig. Im Jahr 1994 gab die Deutsche Bundespost in der Serie „Frauen der deutschen Geschichte” eine Briefmarke mit ihrem Porträt heraus. In Berlin wurde zudem am Haus Nr. 54 in der Jägerstraße, in dem Rahel lebte und ihren literarischen Salon betrieb, eine Gedenktafel mit ihrem Relief angebracht.

Gedenktafel am Haus Nr. 54 in der Jägerstraße in Berlin

Straßenschild mit dem Namen Rahel Varnhagen, Oldenburg.
Foto: ©DerBote-DerShlikh

Rahel-Varnhagen-Weg, Ольденбург.
Foto:  ©DerBote-DerShlikh

Nach dieser außergewöhnlichen Frau, einem Stolz der deutschen Kultur, sind in vielen Städten Deutschlands Straßen, Bildungseinrichtungen und andere Orte benannt. Obwohl keine Phase im Leben von Rahel Varnhagen mit Oldenburg in Verbindung steht, wurde im schönen und grünen Stadtteil Eversten eine Straße nach ihr benannt: der Rahel-Varnhagen-Weg. Selbst im Herbst, wenn die Blätter bereits von einigen Bäumen gefallen sind, sieht diese ruhige Straße dank der immergrünen Rhododendronbüsche und Kiefern sehr gepflegt aus.

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Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors und aus offenen Quellen