Jüdische Namen auf dem Stadtplan von Oldenburg
Kapitel 14: Der Philosoph, Theologe und Zionist Martin Buber


In den vorangegangenen Kapiteln dieser Reihe habe ich den Leserinnen und Lesern bekannte Persönlichkeiten jüdischer Herkunft aus Wissenschaft, Kultur und Religion vorgestellt, nach denen Straßen in Oldenburg benannt wurden, sowie die Straßen selbst beschrieben. Alle Toponyme mit jüdischen Namen zu finden, war keineswegs einfach. Obwohl Oldenburg eine vergleichsweise kleine Stadt ist, gibt es hier mehr als 1.500 Straßen, Wege und Plätze. Zunächst mussten diejenigen Straßen identifiziert werden, die nach bedeutenden Persönlichkeiten benannt sind. Anschließend galt es, darunter jene mit jüdischen Namen herauszufiltern. Diese aufwendige Recherche dauert bis heute an. Erst vor Kurzem wurden zwei weitere Toponyme mit jüdischen Namen entdeckt. In diesem Kapitel möchte ich eine dieser Straßen vorstellen – die Martin-Buber-Straße – sowie den bedeutenden jüdischen Philosophen des 20. Jahrhunderts Martin Buber, dessen Namen sie trägt.
Martin (Mordechai) Buber wurde am 8. Februar 1878 in Wien, der Hauptstadt Österreich-Ungarns, in eine assimilierte jüdische Familie aus Galizien geboren. Sein Vater Karl (Kusiel Salman) Buber war ein erfolgreicher Unternehmer, der im Bereich der Erdöl- und Phosphatgewinnung tätig war und außerdem Getreide anbaute. Martins Mutter war Elisa Buber, geborene Wurgast, eine Schauspielerin aus Odessa. Als Martin vier Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Seine Mutter verließ die Familie und der Junge wuchs bei seinem Großvater Schaja Abraham Buber in Lemberg (damals Lemberg in Österreich-Ungarn, heute Lwiw) auf. Schon in seiner Kindheit sprach Martin sowohl Jiddisch als auch Deutsch. Lemberg, eine Stadt an der Schnittstelle zwischen West- und Osteuropa, in der deutsche Kultur, polnische Aristokratie und das osteuropäische Judentum mit seinen chassidischen Gemeinden aufeinandertrafen, prägte Bubers Weltanschauung nachhaltig. In seinen autobiographischen Aufzeichnungen schrieb er: „Ich wuchs zwischen den Welten auf: weder Wiener noch galizischer Jude, weder Deutscher noch etwas anderes ganz und gar. Dieser Riss in meiner Seele wurde zu meinem Vorteil – ich lernte, aus dem Bruch heraus zu sehen.“
Schon früh begann Buber, sich mit den Werken von Immanuel Kant, Søren Kierkegaard und Friedrich Nietzsche auseinanderzusetzen. Insbesondere Kierkegaard und Nietzsche weckten sein Interesse an der Philosophie. Im Jahr 1896, im Alter von achtzehn Jahren, begann Martin Buber sein Studium an der Universität Wien. Dort studierte er Philosophie, Kunstgeschichte, Germanistik und Philologie. Darüber hinaus absolvierte er Studienaufenthalte an den Universitäten Berlin, Zürich und Leipzig und promovierte zum Doktor der Philosophie. Im Jahr 1898 schloss sich Buber der zionistischen Bewegung an.


Nach seiner Rückkehr nach Berlin wurde Buber zu einer der zentralen Figuren des deutschen Geisteslebens. Er gründete den Verlag „Schocken“ für jüdische Literatur und religiöse Texte, übersetzte gemeinsam mit Franz Rosenzweig die Hebräische Bibel ins Deutsche, hielt Vorträge im expressionistischen Berliner „Neuen Club“, leitete die jüdische Jugendbewegung Chevrat ha-Trumpeldor, die Zionismus und sozialistische Ideen miteinander verband, und veröffentlichte 1923 sein berühmtestes Werk „Ich und Du“, das zu einem Grundtext der Dialogphilosophie wurde.
Zu Beginn der 1920er Jahre gründete Martin Buber „Brit Schalom“ („Bund des Friedens“), eine Bewegung, die sich für einen binationalen jüdisch-arabischen Staat einsetzte. Er vertrat die Auffassung, dass das jüdische Volk „seinen Wunsch erklären müsse, in Frieden und Brüderlichkeit mit dem arabischen Volk zu leben und eine gemeinsame Heimat in einer Republik aufzubauen, in der beide Völker die Möglichkeit zur freien Entfaltung haben“. Nach dem Massaker von Hebron im Jahr 1929, bei dem arabische Angreifer 67 Juden ermordeten, verließen viele Anhänger die Bewegung. Buber blieb ihr jedoch treu und erklärte: „Wenn wir den Dialog nach der Gewalt abbrechen, dann siegt die Gewalt. Der Dialog beginnt nach dem Schlag, nicht davor.“
Von 1924 bis 1933 war Martin Buber Professor für Religionsphilosophie und Ethik des Judentums an der Universität Frankfurt am Main. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 verlor er jedoch seine Professur. Da ihm die nationalsozialistischen Behörden die Lehrtätigkeit untersagten, sah er sich zur Emigration gezwungen. Zunächst ging er in die Schweiz und emigrierte im Mai 1938 – ein halbes Jahr vor den Novemberpogromen – nach Palästina. Dort erhielt sein Leben eine tragische Doppelbedeutung. Einerseits wurde er zu einer Symbolfigur jüdischer Kultur und wirkte bis 1951 als Professor an der Hebräischen Universität Jerusalem, wo er Anthropologie und Soziologie lehrte. Andererseits blieb sein Traum eines binationalen Staates, in dem Juden und Araber als gleichberechtigte Partner zusammenleben sollten, unerfüllt. Weder die zionistische noch die arabische Seite unterstützte dieses Konzept.
Im Jahr 1899 lernte Martin Buber während seines Studiums in Zürich seine spätere Ehefrau Paula Winkler kennen. Sie stammte aus einer katholischen Bauernfamilie in Bayern und war als Schriftstellerin tätig. 1901 trat sie aus der katholischen Kirche aus, 1907 konvertierte sie zum Judentum. Martin und Paula Buber hatten zwei Kinder: den Sohn Rafael Buber (1900–1990) und die Tochter Eva Strauss-Steinitz (1901–1992). Aus der Ehe Rafaels mit Margarete Buber-Neumann gingen zwei Enkelinnen Martins hervor: Barbara Goldschmidt (1921–2013) und Judith Buber-Agassi (1924–2018). Paula Winkler starb 1958 in Venedig.
Nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 wurde Martin Buber zu dessen bekanntestem Philosophen. Von 1960 bis 1962 war er erster Präsident der Israelischen Akademie der Wissenschaften. Darüber hinaus hielt er zahlreiche Vorträge in Europa und den Vereinigten Staaten.



Martin Buber in verschiedenen Lebensjahren, Quelle: Wikimedia Commons
Interessanterweise lehnte Buber selbst die Bezeichnungen „Philosoph“ oder „Theologe“ häufig ab. Er betonte, dass ihn nicht abstrakte Ideen interessierten, sondern die konkrete menschliche Erfahrung. Ebenso könne man seiner Ansicht nach nicht über Gott sprechen, sondern nur über die Beziehung zu Gott. Im Zentrum seines Denkens stand die Dialogphilosophie. Entscheidend sei nicht ein intellektuelles Verständnis Gottes, sondern die lebendige Begegnung mit ihm. Eine solche Beziehung könne nur durch einen Dialog entstehen, der auf persönlicher Erfahrung beruhe. Damit entwickelte Martin Buber eine religiöse Form des Personalismus. Religiös verstand er sich selbst als Vertreter eines konservativen, neoorthodox geprägten Judentums.
Obwohl Martin Buber zu den bedeutendsten Denkern des 20. Jahrhunderts zählt, blieb ihm die Verleihung des Nobelpreises versagt. Insgesamt wurde er zehnmal für den Friedensnobelpreis und siebenmal für den Nobelpreis für Literatur nominiert. 1963 erhielt er jedoch den renommierten Erasmuspreis der Niederlande, der an Persönlichkeiten und Institutionen vergeben wird, die sich um die europäische Kultur, das gesellschaftliche Leben und die Geisteswissenschaften verdient gemacht haben. Darüber hinaus wurde er mit dem Bialik-Preis (Israel, 1961), dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1953) sowie der Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt am Main (1958) ausgezeichnet. Mehrere Universitäten verliehen ihm die Ehrendoktorwürde, darunter die Hebräische Universität Jerusalem (1953), die Universität Münster (1962) und die Universität Heidelberg (1964). Außerdem wurde er zum Ehrenbürger Jerusalems ernannt.




Martin Buber in verschiedenen Lebensjahren, Quelle: Wikimedia Commons
Martin Buber schrieb, lehrte und führte den Dialog bis zu seinem Lebensende fort. Er stand mit Hunderten von Menschen in Briefkontakt und beantwortete jedes Schreiben persönlich. Martin Buber starb am 13. Juni 1965 im Alter von 87 Jahren in seinem Haus im Jerusalemer Stadtteil Talbiya. Seine Verdienste für die Philosophie und das jüdische Geistesleben werden insbesondere in Deutschland bis heute gewürdigt. Das 1966 an der Universität zu Köln gegründete Martin-Buber-Institut für Judaistik trägt seinen Namen. Im Februar 2021 wurde an der Goethe-Universität Frankfurt das Buber-Rosenzweig-Institut gegründet, das sich der Erforschung des modernen Judentums widmet. Auch die im Jahr 2000 gegründete Martin-Buber-Gesellschaft verfolgt das Ziel, Wissen und Verständnis für Leben, Werk und Zeit Martin Bubers zu vertiefen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinem Denken zu fördern.

Seit 1968 verleiht der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit die Buber-Rosenzweig-Medaille, die nach Martin Buber und seinem Freund, dem Philosophen und Theologen Franz Rosenzweig, benannt ist. Mit dieser angesehenen Auszeichnung werden Persönlichkeiten und Organisationen geehrt, die sich um den christlich-jüdischen Dialog, die Verständigung zwischen den Religionen sowie den Kampf gegen Antisemitismus und andere Formen der Menschenfeindlichkeit verdient gemacht haben.



In zahlreichen deutschen Städten gibt es Straßen, Schulen, Bibliotheken und andere Einrichtungen, die den Namen Martin Bubers tragen. Sein Leben und Wirken waren über viele Jahre eng mit Deutschland verbunden. Er studierte und lehrte in Berlin, Leipzig und Frankfurt am Main. Straßen mit seinem Namen finden sich unter anderem in Bremen, Berlin, Darmstadt, Leipzig, Frankfurt am Main, Köln und vielen weiteren Städten.
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Auch in Oldenburg gibt es eine Martin-Buber-Straße. Sie entstand in den 1980er Jahren und erhielt damals ihren heutigen Namen. Die Straße befindet sich im Stadtteil Bloherfelde im Westen der Stadt. Ihre Entstehung ist eng mit der Entwicklung dieses Wohngebietes verbunden. In den 1970er und 1980er Jahren wurde der Stadtteil stark erweitert und neu bebaut. Im Rahmen der städtebaulichen Planung wurde die Martin-Buber-Straße als kurze Stichstraße angelegt, die von der größeren Nobelstraße abzweigt.


Die Benennung der Straße erfolgte im Rahmen des Gesamtkonzepts für dieses Wohngebiet. Da die Hauptstraße nach dem berühmten Chemiker, Erfinder, Unternehmer und Philanthropen Alfred Nobel benannt wurde, entschied die Stadt, die angrenzenden kleineren Straßen nach bedeutenden Wissenschaftlern, Denkern, Schriftstellern und Philosophen des 20. Jahrhunderts zu benennen. Martin Buber entsprach diesem Konzept in besonderer Weise. Die ruhige Straße ist von Einfamilienhäusern und kleineren Wohngebäuden geprägt und liegt zwischen Gärten, Bäumen und Grünanlagen. Besonders im Frühjahr und Sommer wirkt sie freundlich und einladend – ein passender Ort, um an einen der bedeutendsten jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts zu erinnern.
Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors sowie aus frei zugänglichen Quellen






