Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 12. Der Politiker und Unternehmer Franz Reyersbach


In dem vorherigen Kapitel dieser Essayreihe über jüdische Namen auf der Karte Oldenburgs habe ich unseren Lesern von dem Unternehmer und Kommunalpolitiker Leon Bukofzer berichtet. Er kam durch die Nationalsozialisten im Konzentrationslager Auschwitz ums Leben und eine Straße in Oldenburg ist nach ihm benannt. In diesem Kapitel möchte ich von einem Mann erzählen, der vermutlich zu den ersten Opfern der Nationalsozialisten in Oldenburg gehörte: dem Unternehmer und Politiker Franz Reyersbach. Dabei geht es natürlich auch um die nach ihm benannte Straße sowie um die zu seinen Ehren errichteten Gedenkstätten.
Moses Levi Reyersbach gründete im Jahr 1880 in Oldenburg die Großhandelsfirma „M. L. Reyersbach“. Das Unternehmen befasste sich neben dem Großhandel auch mit der Herstellung von Musikinstrumenten und später von Fahrrädern. Letztere wurden zu einem festen Bestandteil des Oldenburger Stadtbildes. Das Unternehmen hatte seinen Sitz in der Straße Damm 4 und ging 1923 in den Besitz der Enkel von Moses Reyersbach, der Brüder Paul und Franz Reyersbach, über. Diese wandelten es in die Aktiengesellschaft „M. L. Reyersbach AG, Handlung und Fabrikation von Fahrrädern und Musikinstrumenten“ um. Dabei wurde Franz Reyersbach Mitinhaber und Vorstandsvorsitzender.
Franz wurde am 12. Juli 1880 in Oldenburg geboren und besuchte das Alte Gymnasium Oldenburg. Uns ist es nicht gelungen, in öffentlich zugänglichen Quellen Informationen über seinen weiteren Lebenslauf, insbesondere über seine berufliche Ausbildung, zu finden. Bekannt ist lediglich, dass er im Januar 1903 von Gaggenau nach Oldenburg zog. Gaggenau liegt heute im Bundesland Baden-Württemberg. Er war mit Grete Weinberg verheiratet, die am 22. Juli 1883 in Hannover geboren wurde. Die Familie hatte drei Söhne, Ernst (geb. 24.09.1906), Fritz (geb. 29.05.1910) und Hans (geb. 17.11.1911), sowie eine Tochter, Lotte (geb. 26.05.1923). Sie wohnten in der Beethovenstraße 17 im Oldenburger Stadtteil Osternburg.


Franz Reyersbach wird in verschiedenen Veröffentlichungen als Mitbegründer und aktiver Befürworter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in Oldenburg gewürdigt. Hervorgehoben werden zudem seine persönlichen Verbindungen zu einflussreichen Vertretern der liberalen Politik in der Region, insbesondere zu Theodor Tantzen, dem Ministerpräsidenten des Freistaats Oldenburg. Als einflussreiche politische Persönlichkeit innerhalb der DDP gehörte Reyersbach zu den ersten Kritikern der NSDAP.
Gleichzeitig führte Franz Reyersbach über Jahrzehnte hinweg erfolgreich das Familienunternehmen, das sich mit der Herstellung und dem Verkauf von Musikinstrumenten und Fahrrädern befasste, und baute es weiter aus. So wurde beispielsweise im Jahr 1928 eine Filiale der „M. L. Reyersbach AG” für den Fahrradverkauf in Düsseldorf an der Bankstraße 67 eröffnet. 1934 starb Paul, der ältere Bruder von Franz Reyersbach und Mitinhaber der Firma. Doch die Welle der „Arisierung“, die im Grunde eine Enteignung jüdischen Eigentums war, erreichte auch die Firma Reyersbach. Im Jahr 1936 wurde Franz Reyersbach aufgrund seiner „nicht-arischen Herkunft” die Leitung der Firma unmöglich gemacht.
Im Herbst desselben Jahres äußerte Franz Reyersbach bei einem Friseurbesuch in einem privaten Gespräch kritische Bemerkungen über die NSDAP und ihre Politik sowie über die Beteiligung Deutschlands am Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Franco-Anhänger. Er untermauerte seine Ansichten mit Argumenten aus einer BBC-Radiosendung, die er gehört hatte. Offenbar schrieb der Friseur eine Denunziation gegen ihn. Am 28. September 1936 kamen schließlich Gestapo-Beamte mit einem Haftbefehl wegen „kommunistischer Umtriebe“ zu Reyersbach nach Hause. Dieser Vorwand war für das Jahr 1936 typisch: Politisch unbequemen Personen – darunter Liberale, Sozialdemokraten, Gewerkschaftsaktivisten sowie Menschen jüdischer Herkunft – wurde nicht selten das Etikett „Kommunist“ angeheftet. Reyersbach wurde verhaftet und verbrachte drei Wochen „unter staatlichem Schutz“ im Oldenburger Gefängnis. Am 20. Oktober 1936 wurde er jedoch nicht freigelassen, sondern in das Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen deportiert.
Er wurde von Lagerwachen zu Tode geprügelt und starb am 14. Dezember 1936. Dank einer jüdischen Menschenrechtsorganisation in der Schweiz erlangte sein Fall internationale Aufmerksamkeit. Franz Reyersbach gehörte zu den Personen, die die liberal-demokratische Tradition in Oldenburg prägten. Sein Tod im Jahr 1936 war eines der ersten Anzeichen dafür, wie schnell die nationalsozialistische Herrschaft von Entlassungen, Ausgrenzungen und Repressionen zur physischen Vernichtung überging. Er war eines der ersten jüdischen Opfer des nationalsozialistischen Terrors in Oldenburg.
Im Jahr 1938 wurde die Firma „M. L. Reyersbach, Fahrrad-Großhandlung“ „arisiert“ und an die Firma „Schwecke, Meyer & Detmers“ übergeben. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 1970er Jahren, wurde das Firmengebäude im Zuge der Neugestaltung der Straße Damm abgerissen.

Franz’ Ehefrau Grete Reyersbach zog 1936 von Oldenburg nach Hannover. Von dort wurde sie am 15. Dezember 1942 in das Ghetto von Riga deportiert und dort ermordet. Das genaue Datum ihres Todes ist unbekannt. Franz’ ältester Sohn, Dr. Ernst Reyersbach, besuchte wie sein Vater das Alte Gymnasium in Oldenburg. 1933 wurde er aus der Oldenburger Justiz entlassen, bei der er sein Referendariat absolviert hatte. Im Jahr 1938 gelang ihm die Emigration in die USA. Auch die jüngeren Söhne von Franz Reyersbach, Fritz und Hans, sowie seine Tochter Lotte, überlebten den Holocaust.





Die Oldenburger ehren das Andenken ihres Landsmanns Franz Reyersbach, der zu den ersten Opfern des nationalsozialistischen Terrors gehörte. Sein Name ist in der städtischen Toponymie verewigt. So wurde die Franz-Reyersbach-Straße im Stadtteil Kreyenbrück nach ihm benannt. Die Benennung der Straße erfolgte im Jahr 1985. Ich möchte darauf hinweisen, dass zu der Veranstaltung, bei der das Andenken an Franz Reyersbach durch die Benennung der Straße gewürdigt wurde, seine in den USA lebende Verwandte Gertrud Reyersbach angereist war. Sie hatte den Kontakt zu ihrer Heimatstadt Oldenburg aufrechterhalten. Über diese Veranstaltung und die Geschichte rund um das Leben und den Tod von Franz Reyersbach wurde ein Artikel in der NWZ veröffentlicht.
Vor der Aula des Alten Gymnasiums in Oldenburg am Theaterwall 11 wurde eine ungewöhnliche Gedenktafel zum Gedenken an ehemalige Schüler des Gymnasiums, die Opfer der Nationalsozialisten wurden, angebracht. Die im November 2001 enthüllte Tafel trägt die Inschrift „Die ermordeten jüdischen Schüler dieses Gymnasiums“ und nennt sechs Namen, darunter auch den von Franz Reyersbach. Das Design der Gedenktafel stammt vom Kunstlehrer Heinz Gode.



Wie ich bereits in Kapitel 11 berichtet habe, sprach sich die jüdische Gemeinde Oldenburg gegen die Verlegung von „Stolpersteinen” in der Stadt aus, um der ehemaligen jüdischen Einwohner zu gedenken. Die Stadtverwaltung respektierte diese Haltung. Dennoch wurden im Jahr 2011 von Privatpersonen zwei „Stolpersteine” vor dem Haus Beethovenstraße 17 gesetzt, in dem Franz und Grete Reyersbach gewohnt hatten. Diese Steine sind keine Nachbildungen und ähneln nur in gewissem Maße den „Stolpersteinen”, die vom Kölner Künstler Günter Demnig in ganz Deutschland und darüber hinaus gesetzt werden.
Am 7. Dezember 2022 weihten die Oldenburger Bürgerstiftung und der Verein Werkstattfilm ein Denkmal zu Ehren von Franz Reyersbach ein. Diese Gedenkstätte ist als „Erinnerungszeichen“ gestaltet: ein einzelnes „Gedenksymbol“ in Form einer Stele, das an dem Haus aufgestellt wird, in dem eine Person, die Opfer des Nationalsozialismus wurde, gearbeitet oder gewohnt hat. Für Franz Reyersbach wurde das Haus Nr. 4 in der Straße Damm als Standort gewählt. An dieser Stelle befand sich das ehemalige Fahrrad- und Musikinstrumentengeschäft, das Franz Reyersbach jahrzehntelang erfolgreich geführt und von seinem Großvater geerbt hatte.

So haben die Stadt Oldenburg, das Alte Gymnasium Oldenburg sowie Privatpersonen das Andenken an den erfolgreichen Unternehmer und liberalen Politiker Franz Reyersbach bewahrt. Er war eines der ersten Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Oldenburg.
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Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors und aus frei zugänglichen Quellen