Jüdische Namen auf der Karte von Oldenburg
Kapitel 9. Ärztin und Aktivistin der Frauen- und Zionistenbewegung


In den vorherigen Kapiteln dieser Essayreihe über jüdische Namen auf der Karte Oldenburgs habe ich über herausragende Persönlichkeiten jüdischer Herkunft berichtet, über ihren Lebensweg, ihre Rolle für die Entwicklung des jüdischen Lebens in Oldenburg sowie ihren Beitrag zur Weltkultur und Wissenschaft. Unter diesen Namen nehmen die jüdischen Frauen Rahel Varnhagen, Hannah Arendt und Anne Frank einen besonderen Platz ein. Obwohl sie alle keinen direkten Bezug zu Oldenburg hatten, wurden dennoch Straßen und ein Platz dieser niedersächsischen Stadt nach ihnen benannt. In diesem Kapitel werde ich meine Erzählung fortsetzen und den Leser:innen eine weitere berühmte Jüdin vorstellen: die Ärztin, Sozialarbeiterin und Aktivistin der Gewerkschafts-, Frauen- und Zionistenbewegung Rahel Straus. Selbstverständlich werde ich dabei auch auf die nach ihr benannte Straße in Oldenburg eingehen.
Rahel Straus wurde am 21. März 1880 in Karlsruhe, Baden, Deutschland, geboren. Sie war das vierte Kind des orthodoxen Rabbiners Gabor Goitein und der Grundschullehrerin Ida Goitein, geborene Löwenfeld. Ihr Vater starb, als sie drei Jahre alt war, im Jahr 1883. Rahel verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Karlsruhe. Ab 1893 besuchte sie zunächst die Mittelschule und anschließend das örtliche Mädchengymnasium (heute Lessing-Gymnasium), wo sie 1899 ihr Abitur erfolgreich ablegte. In ihrer Abschlussrede sprach sie unter anderem erstmals öffentlich über die Möglichkeit einer höheren Bildung für Frauen. Ihr Onkel Raphael Löwenfeld, der Bruder ihrer Mutter, beschloss daraufhin, sie finanziell zu unterstützen, damit sie eine höhere medizinische Ausbildung absolvieren konnte.

Trotz der ablehnenden Haltung einiger Professoren schrieb sich Rahel Goitein an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg ein und wurde damit deren erste Studentin. Ab dem Wintersemester 1901/1902 war sie Vorsitzende der „Heidelberger Studentinnenvereinigung” und engagierte sich in der Jüdischen Studentenvereinigung Baden. Sie absolvierte ihr Studium mit hervorragenden Leistungen und erhielt bereits nach dem fünften Semester, im Jahr 1902, vorzeitig ihren ersten akademischen Grad, den Bachelor, mit der Note „sehr gut”. 1905 legte sie erfolgreich ihr Staatsexamen ab. 1907 erhielt sie entgegen aller Skepsis den Doktortitel in Medizin, nachdem sie ihre Dissertation über eine bestimmte Art von Krebserkrankung erfolgreich verteidigt hatte.




Das Jahr 1905 war für Rahel sehr ereignisreich: Sie erhielt ihr Arztdiplom und heiratete. Ihr Ehemann war ihr „Landsmann” aus Karlsruhe, der Rechtsanwalt und Doktor der Rechtswissenschaften Elias (Eli) Straus, geboren 1878, der aus einer kinderreichen jüdischen Familie stammte. Elias’ Vater, Samuel Straus, war Bankier in Karlsruhe. Elias Straus engagierte sich aktiv in der zionistischen Bewegung. Als „Hochzeitsreise”, die allerdings aus familiären Gründen etwas verschoben wurde, unternahmen die jungen Eheleute Straus im Jahr 1907 eine Reise nach Palästina.
Im Jahr 1908 eröffnete Rahel Straus in München eine gynäkologische Praxis und war damit die erste Ärztin in Deutschland, die nach einem Universitätsabschluss praktizierte. Die Familie hatte fünf Kinder: drei Mädchen und zwei Jungen. Alle Kinder wuchsen zu würdigen Menschen heran. Besonders hervorzuheben ist der jüngste Sohn Ernst Gabor, der 1922 geboren wurde, als Rahel bereits 42 Jahre alt war. Er wurde ein bekannter Mathematiker und Professor an der University of California in Los Angeles. Während seines Exils mit seiner Mutter in Palästina studierte er an der Hebräischen Universität Jerusalem. Nach seiner Übersiedlung in die USA im Jahr 1941 begann er ein Studium an der Columbia University in New York, welches er mit einem Masterabschluss beendete. 1943 arbeitete er als Assistent von Albert Einstein in Princeton und veröffentlichte gemeinsam mit ihm drei Artikel. Straus arbeitete mit vielen bekannten Wissenschaftlern zusammen. Er starb 1983 in den USA.

Nach dem Tod ihres einzigen Bruders Ernst Goitein im Jahr 1916 intensivierte sie ihre Unterstützung für jüdische Organisationen, die loyal zur deutschen Kriegspolitik standen. Dies entsprang ihrer tiefen Achtung vor Deutschland im Allgemeinen und der deutschen Kultur im Besonderen. Als Ärztin und Feministin kämpfte sie für die Aufhebung des Abtreibungsverbots in Deutschland. Sie beteiligte sich aktiv an sozialen und pädagogischen Seminaren, war Vorsitzende der Gewerkschaft der Arbeiterinnen Palästinas und Mitglied der Internationalen Zionistischen Frauenorganisation (WIZO). Im Jahr 1918 war sie Mitglied mehrerer Komitees der Bayerischen Räterepublik. 1932 übernahm sie eine führende Rolle im Jüdischen Frauenbund, was ihr politisches und diplomatisches Talent sowie ihr hohes Ansehen in der Gesellschaft unterstreicht. Der Frauenbund unterstützte insbesondere Mütter mit unehelichen Kindern sowie Opfer von Menschenhandel.

1933 starb Elias Straus, Rahels Ehemann, an Krebs. Noch im selben Jahr, kurz nach seinem Tod und dem Machtantritt der Nationalsozialisten in Deutschland, wanderte sie mit ihren beiden jüngeren Kindern, ihrer Tochter Gabriel und ihrem Sohn Ernst, nach Palästina aus. Die erste Zeit ihres Lebens im Gelobten Land war geprägt von Schwierigkeiten und Entbehrungen. Später arbeitete Rahel als Ärztin und Sozialarbeiterin. 1952 ernannte sie die in Israel gegründete Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit zu ihrer Ehrenpräsidentin – ein Amt, das sie bis zu ihrem Tod innehatte. Sie starb am 15. Mai 1963 im Alter von 84 Jahren in Jerusalem und wurde auf dem Jerusalemer Friedhof Sangeria beigesetzt.
1961 erschien in Stuttgart das autobiografische Buch „Wir lebten in Deutschland. Erinnerungen einer deutschen Jüdin 1880–1933”. Das Buch stieß bei den Lesern auf großes Interesse und wurde 1962 mit Ergänzungen neu aufgelegt. Der Name dieser bemerkenswerten Aktivistin ist in vielen Ländern der Welt verewigt. Am meisten natürlich in ihrer Heimat Deutschland, aber nicht nur dort. So besteht beispielsweise eines der sozialen Projekte von Rchel Straus, das Zentrum zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung in Jerusalem (AKIM), bis heute. Es unterhält eine Bildungseinrichtung, die ihren Namen trägt (Beit Rahel Straus).
Im Oktober 2019 hat die baden-württembergische Arbeitsgruppe des Vereins „Gegen das Vergessen – für die Demokratie” zum ersten Mal den Rahel-Straus-Preis für nachhaltige Projekte verliehen. Mit diesem Preis werden Projekte ausgezeichnet, die zur Entwicklung der Erinnerungskultur in Baden-Württemberg beitragen.
Die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg, an der Rahel studiert hat, unterstützt im Rahmen des „Rahel-Goitein-Straus-Förderprogramms” junge Wissenschaftlerinnen, die nach ihrer Promotion ihre Forschung fortsetzen möchten. Das Programm zielt darauf ab, den Anteil von Frauen unter den habilitierten Wissenschaftlerinnen zu erhöhen.

Eine Reihe von Ortsnamen in Deutschland ist mit dem Namen Rahel Straus verbunden. So wurde beispielsweise im Jahr 2000 in ihrer Heimatstadt Karlsruhe eine Straße nach ihr benannt: die Rahel-Straus-Straße. In München, wo sie lange Zeit lebte, arbeitete und fünf Kinder zur Welt brachte und großzog, gibt es den Rahel-Straus-Weg. Den gleichen Namen trägt eine Straße im Heidelberger Stadtteil Kirchheim, in dem Rahel studiert hatte.
Die Geschichte der nach ihr benannten Straße im niedersächsischen Oldenburg ist interessant. Lange Zeit trug diese Straße im Stadtteil Kreyenbrück den Namen einer Person, die, wie Forscher herausfanden, ein aktiver Nationalsozialist gewesen war und der Entnazifizierung entgangen war. Die Stadtverwaltung beschloss deshalb, den umstrittenen Straßennamen zu ändern und benannte die Straße im Jahr 2008 in Rahel-Straus-Straße um. In dieser Straße befindet sich heute der Gebäudekomplex des größten Fachkrankenhauses Oldenburgs, der Universitätsklinik (Klinikum Oldenburg). Dies ist sehr symbolisch, denn der große medizinische Komplex befindet sich in einer Straße, die den Namen einer bemerkenswerten Frau, Ärztin und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens trägt.



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Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos aus dem Archiv des Autors und aus öffentlichen Quellen