Feier der Hohen Feiertage


Und schon ist wieder ein Jahr vergangen und die Reihe der hohen Herbstfeiertage steht erneut bevor. Traditionell beginnt sie mit dem jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana. In diesem Jahr wurde der Beginn des Jahres 5787 nach jüdischem Kalender am 11. September weltweit gefeiert. Um dieses Ereignis zu würdigen und es gemäß der jüdischen Tradition zu feiern, versammelten sich Mitglieder der Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg (LJGO) mit ihren Freunden im historischen Gebäude in der Wallstraße 24, das vom Verein „Werkstattfilm e. V.“ gemietet wird und in dem sich das kleine Kino „KinOladen“ befindet.
Der Verein „Werkstattfilm“, der sich mit regionalen Film- und Medienprojekten befasst, ist vielen Oldenburgern bekannt. Unter der Leitung des Journalisten Farschid Ali Zahedi hat der Verein viel für die Stadt geleistet. Insbesondere hat er die „dunklen Kapitel der Geschichte“ Oldenburgs während der sogenannten „Arisierung“ jüdischen Eigentums durch die Nationalsozialisten aufgedeckt und somit zur Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit beigetragen. Für dieses und viele andere erfolgreich umgesetzte Projekte wurde Farschid Ali Zahedi mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.
Den Mitgliedern der LJGO war das kleine Gebäude im Zentrum von Oldenburg bereits gut bekannt. Hier hatte die Gemeinde im Frühjahr dieses Jahres den Schabbat gefeiert. Und nun, an einem warmen und ruhigen Abend des Oldenburger „Altweibersommers“, dem 11. September 2026, strömten die Menschen hierher, um Erev Rosch ha-Schana in den gastfreundlichen Räumlichkeiten des „KinOLadens“ zu begehen. Farshid Zahedi bot dem Vorstand der LJGO erneut an, die Räumlichkeiten des „KinOLadens“, einschließlich des Kinosaals und des Cafébereichs, unentgeltlich für zwei Festveranstaltungen – die Rosch-ha-Schana- und Jom-Kippur-Treffen – zur Verfügung zu stellen. Damit sollten diese Räume wieder zu einem Ort des Gebets, der Begegnung und des Meinungsaustauschs werden. Dieses Angebot wurde dankbar angenommen.
Jede Veranstaltung dieser Art erfordert eine sorgfältige Vorbereitung. Das war bei der Feier des jüdischen Neujahrsfests nicht anders. Da die junge liberale Gemeinde in Oldenburg noch keine eigene Thora-Rolle besitzt, kümmerte sich der Vorstand rechtzeitig darum und erhielt für die Festgottesdienste eine Thora-Rolle zur vorübergehenden Nutzung von der Liberalen Jüdischen Gemeinde Bielefeld. Diese wurde mit Unterstützung von Irith Michelsohn, der Vorsitzenden der Union progressiver Juden in Deutschland, bereitgestellt. Außerdem galt es, die erforderliche Anzahl an Siddurim, den traditionellen jüdischen Gebets- und Segensbüchern, bereitzustellen, sowie eine Vielzahl weiterer großer und kleiner Aufgaben zu erledigen. Zu den Feierlichkeiten zu Rosch ha-Schana gehört gemäß der jüdischen Tradition unbedingt ein festlicher Kiddusch – doch dazu später mehr.



Auch die Rabbinerin der Gemeinde, Alisa Bach, leistete in Oldenburg einen großen Beitrag zur Vorbereitung der Festgottesdienste. Einen Monat zuvor, am Sonntag, dem 9. August 2026, nahm sie an einer über die Grenzen der Oldenburger Gemeinde hinaus bekannten Veranstaltung teil. An diesem Tag wurde in den evangelischen Kirchen Deutschlands der Israelsonntag begangen. Im Berliner Dom hielt Rabbinerin Alisa Bach eine Predigt und Kantor Isidoro Abramowicz begleitete den Gottesdienst mit Gesang. Isidoro war übrigens Anfang der 2000er Jahre als Kantor der jüdischen Gemeinde in Oldenburg tätig. Der Gottesdienst im Dom war ein sehr wichtiges und schönes Ereignis – nicht nur im Hinblick auf den interreligiösen Dialog, sondern auch für die LJGO. Denn zum ersten Mal wurde Alisa Bach auf dieser Ebene offiziell als Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg vorgestellt. Für die junge Gemeinde war dies ein besonders bedeutender Moment.
Kehren wir nun zum Freitag, dem 11. September 2026, zurück. Der Beginn des Gottesdienstes war für 19 Uhr angesetzt. Zu dieser Zeit trafen nach und nach immer mehr Mitglieder der Oldenburger Gemeinde sowie ihre Freunde und Gäste aus anderen Gemeinden – sogar aus Haifa in Israel – am Gebäude „KinOLaden“ in der Wallstraße 24 ein. Als Ehrengast nahm der Oldenburger Stadtrat Sebastian Fröhlich teil. Er ist Fraktionsvorsitzender der Freien Demokratischen Partei im Stadtrat und FDP-Oberbürgermeisterkandidat. Insgesamt nahmen 34 Personen am Gottesdienst teil. Der Gottesdienst zu Ehren von Rosch ha-Schana begann mit dem traditionellen Anzünden der Kerzen und verlief ganz im Sinne aller jüdischen Traditionen. Obwohl eine solche Veranstaltung in der jungen Gemeinde zum ersten Mal stattfand, verlief alles auf hohem Niveau. Der erste „Pfannkuchen” ist nicht klumpig geworden! Ein herzliches Dankeschön an Rabbinerin Alisa Bach für den wunderbar gestalteten Gottesdienst, insbesondere für die interessante und lehrreiche Drascha über die Hohen Feiertage und das jüdische Neujahr. Sie war voller philosophischer Überlegungen zu den Wegen der Tschuwa, der Umkehr. Rabbinerin Bach beendete ihre Drascha mit dem traditionellen Wunsch: „Le-Schana Tova Nikatev! Mögen wir in das Buch des Lebens eingetragen werden!” Schade, dass es trotz der beiden Schofars niemanden gab, der auf dem Schafshorn blasen konnte. Aber das macht nichts, bis zum nächsten Neujahrsfest wird hoffentlich jemand auch diese „Kunst” erlernen.




Der wunderschöne Gottesdienst zu Rosch ha-Schana war zu Ende. Alle begrüßten sich mit dem traditionellen „Schana tova u-metuka!” und begaben sich in den Kiddusch-Saal. Dort wartete ein von der bekannten Köchin Elena Lyubarova und ihrer Assistentin Anna zubereitetes Buffet auf sie. Den Festgästen wurde ein großartiges Menü angeboten: gefüllter Fisch, Kartoffelteigtaschen (Knyschiki), Fischkopf, israelische Datteln, Datteln mit Nüssen, Lekach (Honigkuchen), Bonbons aus Trockenfrüchten, Matze-Torte, Granatäpfel, Äpfel mit Honig, Challa und weitere Köstlichkeiten. Natürlich gab es auch koscheren Wein, Säfte und Mineralwasser – für jeden Geschmack war etwas dabei! Vor Beginn des Mahls sprach Rabbinerin Alisa die traditionellen Segenssprüche, dann schnitt Jekaterina Smolina die prächtige Challa an.


Die stellvertretende Vorsitzende der LJGO, Jekaterina Smolina, sagte: «Liebe Freunde, liebe Mitglieder unserer Gemeinde! Von Herzen möchte ich mich bei allen bedanken, die gestern zu Rosch ha-Schana gekommen sind und diesen schönen Abend mit uns gefeiert haben. Ein ganz besonderer Dank gilt Alisa Bach für den wunderbar gestalteten und durchgeführten Gottesdienst – alles war so herzlich, stimmungsvoll und liebevoll vorbereitet. Gestern habe ich wieder einmal gespürt, wie stolz ich auf unsere Gemeinde sein kann. Wir schaffen gemeinsam etwas wirklich Schönes, und zu sehen, wie gut sich unsere Gemeinde entwickelt, ist für mich eine große Motivation, weiterzumachen, neue Ideen umzusetzen und mich für unsere Gemeinde einzusetzen. Danke an jede und jeden von euch, die diesen Abend so besonders gemacht haben! Mein besonderer Dank gilt dem Leiter des Vereins Werkstattfilm, Farshid Ali Zahedi, für seine Gastfreundschaft und die freundliche Bereitstellung der Möglichkeit, unsere Feier in den Räumlichkeiten von KinOLaden abzuhalten.»



Vielen Dank auch an den Vorstand der Gemeinde für die gute Organisation des Gottesdienstes im „KinOLaden“. Es ist schön zu sehen, dass auch Rabbinerin Alisa Bach, die erst seit knapp einem Jahr bei der LJGO tätig ist, ihre Zufriedenheit mit dem Gottesdienst zum Ausdruck gebracht hat. Im Chat der Gemeinde schrieb sie sehr emotional: „Ihr Lieben, ich bin sehr, sehr berührt von euren Worten! Durch Euch und die so freundliche und vertrauensvolle Atmosphäre bin ich in einen innerlichen Rosch-Ha-Schana-Flow gekommen. Es war auch für mich eine ganz besondere Erfahrung! Vielen Dank euch allen … Und jetzt geht unsere Reise auf Jom Kippur zu – ein Tag, an dem die Tore des Himmels besonders weit für unsere Gebete geöffnet sind. Ich bin sehr froh, diesen Tag mit euch am nächsten Sonntag Abend beginnen zu können. Euch allen einen guten Eintrag ins Buch des Lebens und: Gmar Chatima Tova – eine gute Unterschrift unter diesen Eintrag!”
Gemäß der jüdischen Tradition folgen auf Rosch ha-Schana die „zehn Tage der Buße“, die bis Jom Kippur, dem Tag des Gerichts, andauern. Bereits zu Beginn der neuen Woche machte sich die Liberale Jüdische Gemeinde Oldenburg an die Vorbereitung des nächsten Gottesdienstes, ohne an Tempo einzubüßen. Für Sonntag, den 20. September, war erstmals ein Gottesdienst zu Jom Kippur geplant, dessen Kernaussagen Buße, Sündenvergebung und Versöhnung sind. Der Tradition zufolge fällt Gott an diesem Tag das endgültige Urteil über jeden Menschen für das kommende Jahr und versiegelt das „Buch des Lebens“.


Wie bereits zur Rosch-ha-Schana-Feier versammelten sich die Mitglieder, Freunde und Gäste der Gemeinde wieder im „KinOLaden“ in der Wallstraße in Oldenburg. Der Kinosaal war in einen Gebetsraum umgewandelt worden, der mit gedämpftem Licht beleuchtet wurde. Auf der Bühne waren eine einfache Bima, Scheinwerfer, ein Keyboard und ein Notenständer aufgebaut. Am Gottesdienst nahmen 18 Personen teil: Mitglieder und Freunde der LJGO sowie Gäste aus Bremen und aus der Liberalen jüdischen Gemeinden Bremerhaven. Viele von ihnen kamen am Vorabend von Jom Kippur in weißer Kleidung zum Gottesdienst, was einer jahrhundertealten Tradition entspricht. Die Gemeinderabbinerin Alisa Bach leitete den Gottesdienst und wurde dabei von Assistentinnen der liberalen Gemeinde in Oldenburg unterstützt. Traditionell begann der Gottesdienst mit dem Anzünden der Kerzen.
Diesmal erwartete die Gottesdienstbesucher eine angenehme Überraschung: Die professionelle Musikerin Anna Grek begleitete die Gebete und Segnungen auf dem Keyboard. Obwohl die Akustik im Saal für die Aufführung religiöser Musik nicht optimal war, erinnerte der Klang des Yamaha-Instrumentes dennoch an den einer Orgel. Dadurch erhielt der gesamte Gottesdienst eine zusätzliche Feierlichkeit.
Rabbi Alisa hielt eine sehr interessante und bewegende Drasha, die voller philosophischer Überlegungen war und sich speziell mit Jom Kippur befasste. Dabei brachte sie den Zuhörern den Begriff „Tag der Vergebung” näher. In dieser äußerst aufschlussreichen Drascha beschrieb die Rabbinerin unter anderem, wie Jom Kippur in der kinderreichen Familie ihrer Mutter begangen wurde. Damit fügte sie dem offiziellen Text etwas Persönliches hinzu, das ihr ein Leben lang in Erinnerung geblieben ist. Rabbinerin Bach schloss ihre Drascha mit den Worten: «Nutzen wir also unseren Jom Kippur und lernen wir von der Bevölkerung in Ninve, die Hoffnung niemals aufzugeben. Lernen wir auch, dass wir selbst einen tatkräftigen Beitrag leisten müssen, damit wir ins Buch des Lebens eingeschrieben werden und im kommenden Jahr der Vision des Friedens näherkommen. Gemar chatima tova!»



Der Festgottesdienst zu Ehren von Erev Jom Kippur war zu Ende gegangen und alle machten sich auf den Heimweg. Sie nahmen ein Stück der außergewöhnlichen Atmosphäre von Feierlichkeit und Herzlichkeit mit, in die sie während des Gottesdienstes eingetaucht waren.
Am darauffolgenden Montag erschien eine Nachricht des Vorstandsvorsitzenden Pavel Goldvarg im Chat der Gemeinde: «Liebe Freunde, vielen Dank an alle, die gestern mit uns Erev Jom Kippur begangen und diesen besonderen Abend geteilt haben. Ein ganz besonderer Dank an unsere Rabbinerin Alisa, die für uns eine so würdige und feierliche Atmosphäre geschaffen hat, die diesem großen Tag wirklich entspricht. Für mich ist dieser Jom Kippur heute mit einem kleinen persönlichen Dilemma verbunden: Ich muss leider arbeiten. Ich versuche aber, nur das wirklich Notwendige zu tun und alles, was bis morgen warten kann, auf morgen zu verschieben.» Und buchstäblich nur wenige Stunden später erschien eine kurze Nachricht von Rabbinerin Alisa Bach im selben Chat: «Lieber Pavel, Du hast so viele Mitzves auf Deinem himmlischen Konto….Vor allem haben Wir Dir und Katja zu verdanken, dass wir mit einer Tora-Rolle die Feiertage begehen konnten – sie ist schließlich unsere tragbare Heimat! Vielen Dank an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer und die Aktiven, die uns einen Jom Kippur ermöglicht haben.».
Besser könnte man es nicht sagen. Damit möchte ich meinen Aufsatz beenden und allen Lesern „Gmar Chatima Tova!” wünschen. Möge euer Schicksal im kommenden Jahr glücklich sein, möge eure Gesundheit stark sein und möge euer Eintrag im Buch des Lebens ein glückverheißender sein.
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Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos von Michail Bejlis und aus den Archiven vom Autor und LJGO