Die Gemeinde feiert den Schabbat

Es ist allgemein bekannt, dass die religiöse Komponente eine entscheidende Rolle im Leben jeder jüdischen Gemeinde spielt. Die im Oktober 2024 gegründete, junge liberale Gemeinde Oldenburg hatte eine Zeit lang keine Möglichkeit, Schabbat- und Festgottesdienste abzuhalten, da die Frage der Räumlichkeiten noch nicht geklärt war. Dennoch wurden einige jüdische Feiertage begangen, wenn auch in begrenztem, überwiegend „weltlichem” Rahmen. Dazu zählen Tu bi-Schwat, Pessach, Lag ba-Omer und Chanukka. Außerdem nahmen Mitglieder der Oldenburger Gemeinde auf Einladung der Liberalen Jüdischen Gemeinde Bremerhaven an der Rosch-Haschana-Feier außerhalb von Oldenburg teil. Im Frühjahr 2026 kam es schließlich zu einem gewissen „Durchbruch“: Innerhalb von etwas mehr als einer Woche fanden in der Gemeinde zwei „nach allen Regeln der Kunst” abgehaltene Schabbatgottesdienste statt. Aber der Reihe nach …

Die Martin-Luther-Kirche im Stadtteil Bürgerfeld, Oldenburg ©Wikimedia Commons

Am Freitagabend des 24. April 2026 versammelten sich Mitglieder und Freunde der Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg (LJGO) im ruhigen und grünen Oldenburger Stadtteil Bürgerfeld in der Eupener Straße. Die Geschichte dieses ehemaligen Stadtrandes ist interessant. Ursprünglich wurde das Gebiet von den Oldenburger Bürgern als Weideland für ihr Vieh genutzt. Daher stammt auch der Name des Viertels – „Bürgerfeld“ oder „Weide“. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war dieses Gebiet praktisch unerschlossen. Doch durch die intensive Bebauung im Laufe des 20. Jahrhunderts erhielt es sein heutiges Aussehen. Heute erinnert hier nichts mehr daran, dass hier einst Vieh weidete. In der Eupener Straße 4 befindet sich die evangelisch-lutherische Martin-Luther-Kirche. Sie ist in einem architektonisch ungewöhnlichen Gebäude mit einem hohen, rechteckigen Glockenturm untergebracht. Der Vorstand der LJGO hat sich mit der Leitung der örtlichen evangelischen Gemeinde geeinigt und die Erlaubnis erhalten, einen der Nebenräume der Kirche für Gottesdienste zu nutzen.

An jenem lauen Aprilabend fand in diesem Raum der Kabbalat-Schabbat-Gottesdienst (Begrüßung des Sabbats) unter der Leitung von Rabbinerin Alisa Bach statt. An dem Gottesdienst nahmen 16 Personen teil, darunter Mitglieder der LJGO und deren Freunde. Der Gottesdienst begann mit dem Anzünden der Schabbatkerzen und verlief entsprechend anderer jüdischer Traditionen. Insbesondere bat Rabbinerin Alisa Natalja Sprinchan auf die Bima, damit sie das Kaddisch für ihren verstorbenen Ehemann Michail Frenkel sprechen konnte. Obwohl eine solche Veranstaltung zum ersten Mal in der Geschichte der jungen Gemeinde stattfand, verlief alles auf hohem Niveau. Der erste „Pfannkuchen” ist nicht klumpig geworden! Herzlichen Dank an Rabbinerin Alisa Bach für den wunderbar gestalteten Gottesdienst, insbesondere für die interessante und lehrreiche Drascha, die einem bekannten Ausspruch aus der Tora gewidmet war: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.” Vielen Dank auch an den Vorstand der Gemeinde für die gute Organisation des Gottesdienstes in den Räumlichkeiten der Kirche. Es ist schön zu sehen, dass auch Rabbinerin Alisa Bach, die gerade erst ihre Arbeit bei der LJGO aufgenommen hat, ihre Zufriedenheit mit dem Gottesdienst zum Ausdruck brachte. Im Chat der Gemeinde schrieb sie: „Vielen Dank an alle, die so wunderbar bei der Vorbereitung dieses Kabbalat Schabbat geholfen haben, und für eure aktive Teilnahme! Es war eine wahre Freude am Schabbat.“ Taucht mit den Fotos, die Michail Beilis, der Chronist der Gemeinde, uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, in die Atmosphäre des Gottesdienstes ein!

Und gleich zu Beginn der neuen Woche machte die Liberale Jüdische Gemeinde Oldenburg ohne Pause mit den Vorbereitungen für den nächsten Gottesdienst weiter. Für den kommenden Samstag war geplant, den morgendlichen Schabbatgottesdienst „Schacharit Schabbat“ erstmals in den Räumlichkeiten des „KinOLaden“ in der Wallstraße in Oldenburg abzuhalten. Ein paar Worte zu den Räumlichkeiten des „KinOLaden“ in der Wallstraße 24: Die Räume werden vom Verein Werkstattfilm e. V. genutzt, der sich mit regionalen Film- und Medienprojekten beschäftigt. Unter der Leitung des Vereinsvorsitzenden Farschid Ali Zahedi hat dieser Verein viel zur Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit beigetragen und insbesondere die „dunklen Seiten der Oldenburger Geschichte” während der „Arisierung” jüdischen Eigentums durch die Nationalsozialisten aufgedeckt. Für dieses und viele andere erfolgreich umgesetzte Projekte wurde Farschid Ali Zahedi mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Das Gebäude „KinOLaden“ in Oldenburg ©Wikimedia Commons

Der Journalist Farschid Ali Zahedi © Foto aus dem Archiv des Autors

Mircea Ionescu, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Bremerhaven (ganz links) ©Michail Bejlis

Die LJGO war auf Einladung von Farschid Ali Zahedi für eine Schabbat-Veranstaltung zu Gast in den Räumlichkeiten des KinOLadens. So sollten diese Räume für einen Tag zu einem Ort des Gebets, der Begegnung und des Meinungsaustauschs werden. Der Vorschlag wurde dankbar angenommen. Bereits am Morgen des 2. Mai 2026 fanden sich die ersten Gäste der Oldenburger Gemeinde vor dem „KinOLaden“ in der Wallstraße 24 ein. Zu den Ersten, die eintrafen, gehörten Mitglieder der Liberalen Jüdischen Gemeinde Bremerhaven unter der Leitung ihres Vorsitzenden Mircea Ionescu. Es handelte sich um einen Gegenbesuch der Mitglieder ihrer Gemeinde, wenn man an die Reise der Oldenburger zur Rosch-haschana-Feier in Bremerhaven im Herbst 2025 zurückdenkt.

Aus Delmenhorst reisten der Vorsitzende der örtlichen jüdischen Gemeinde, Pedro Benjamin Becerra, und seine Frau Waltraud Kurzhals-Dingel an. Sie kamen nicht mit leeren Händen, sondern brachten eine Thora-Rolle sowie zwei Kisten mit Tallitot und Gebetbüchern, die für den Gottesdienst benötigt werden, mit. An diesem Tag waren auch Mitglieder der jüdischen Gemeinden aus Hamburg und Bremen zu Gast in Oldenburg. Zum Schabbatgottesdienst erschienen hochrangige Gäste, darunter der Stadtpolitiker Ulf Prange, Mitglied des Niedersächsischen Landtags und Fraktionsvorsitzender der SPD im Oldenburger Stadtrat, sowie die Oldenburger Bürgermeisterin Nicole Piechotta, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Stadtrat.

Pedro Becerra, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Delmenhorst (ganz links) ©Michail Bejlis

Ulf Prange (dritter von rechts) und Nicole Piechotta (zweite von rechts) beim Gottesdienst im „KinOLaden“ ©Michail Bejlis

Pünktlich um 10 Uhr morgens bat der Vorstandsvorsitzende der LJGO, Pavel Goldvarg, alle Anwesenden, in den gemütlichen Zuschauerraum zu gehen, der an diesem Tag in einen Gebetsraum umgewandelt worden war. Der Raum, der Platz für 40 Personen bietet, war fast bis auf den letzten Platz gefüllt, nur einige Plätze blieben frei. Den morgendlichen Schabbatgottesdienst Schacharit leitete die Hamburger Landesrabbinerin Alina Treiger. Vor Beginn des Gottesdienstes richtete Ulf Prange ein Grußwort an die Versammelten, in dem er unter anderem die Bedeutung des Meinungsaustauschs und die Vielfalt des jüdischen Lebens in Oldenburg hervorhob.

Bei der Durchführung des Schabbatgottesdienstes wurde Rabbinerin Alina Treiger vom Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Delmenhorst, Pedro Becerra, und von Tetyana Mysochka, Vorstandsmitglied der Liberalen Jüdischen Gemeinde Oldenburg, unterstützt. Als erfahrene Rabbinerin mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung leitete Alina Treiger den Gottesdienst gekonnt und unterbrach ihn von Zeit zu Zeit, um Psalmen zu singen. Leider konnten die Anwesenden den großartigen Mezzosopran von Alina Treiger, die auch den Titel einer Kantorin trägt, nicht in vollem Umfang genießen. Der Grund dafür war, dass die Wände des Zuschauerraums im „KinOLaden” mit schallabsorbierendem Material verkleidet sind, sodass ihre Stimme darin teilweise „versank”. Im Verlauf des Gottesdienstes hielt Rabbinerin Treiger eine interessante Drascha, in der sie die vergangenen Tage des Omer-Zählens seit Pessach beleuchtete und geschickt mit dem Studium und der Einhaltung der Gebote der Tora verband.

Rabbinerin Alina Treiger während des Gottesdienstes ©Michail Bejlis

Gesamtansicht des Saals im „KinOLaden“, 2. Mai 2026 ©Michail Bejlis

Der Vorsitzende der LJGO, Pavel Goldvarg, mit „hochrangigen“ Gästen der Gemeinde ©Michail Bejlis

Kyrylo Ivashchenko, Mitglied der jüdischen Gemeinde Bremerhaven, mit der Tora ©Michail Bejlis

Um wichtige Ereignisse im Leben der Anwesenden zu würdigen, ihnen zu gratulieren und ihnen Segenssprüche nach jüdischer Tradition zu sprechen, wurden mehrere Personen an die Tora gerufen. Unter ihnen befanden sich das Ehepaar Grek, das seinen Sohn David hatte taufen lassen, sowie die Familie von Katinka Peek, deren jüngster Sohn Milo kürzlich in Hamburg seine Bar Mitzwa gefeiert hatte.

Die Familie von Katinka Peek ist zu Tora eingeladen ©Michail Bejlis

Der wunderschöne Schabbatgottesdienst Schacharit war zu Ende. Alle wünschten einander „Schabbat Schalom!” und begaben sich in den Empfangsraum. Für diese Gelegenheit war dieser in einen Kiddusch-Raum umgestaltet worden. Dort wartete ein von der bekannten Köchin Elena Ljubarova und ihrer Helferin Lyudmila Azina zubereitetes Buffet auf die Gäste. Den Gästen wurde ein großartiges Menü geboten: Es gab Spieße mit Käse und Weintrauben, Spieße mit Mozzarella und Tomaten, Blätterteigstangen, Pfannkuchen mit Lauch und Eiern, Lachs-Pfannkuchen-Röllchen, Biskuit mit Erdbeeren, süße Würstchen und viele weitere Köstlichkeiten. Natürlich gab es auch koscheren Wein, Säfte, Tee und Kaffee – für jeden Geschmack war etwas dabei!

Elena Ljubarova und Lyudmila Azina bereiten einen Imbiss zu ©Jekatherina Smolina

Gesamtansicht des Buffet-Tisches ©Yakub Zair-Bek

Rabbi Alina Treiger schneidet vor Beginn des Kiddusch die Chala an ©Yakub Zair-Bek

Der Vorstandsvorsitzende der LJGO, Pavel Goldvarg, sagte: „Ich möchte allen danken, die am Schabbatgottesdienst teilgenommen haben, insbesondere Rabbinerin Alina Treiger sowie all jenen, die bei der Organisation des Schacharit am Schabbat mitgeholfen haben. Es war ein sehr schöner Schabbat mit einer herzlichen und familiären Atmosphäre, die von gegenseitigem Respekt und Wohlwollen geprägt war. Der KinOLaden hat uns für diese Veranstaltung seine Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und wurde an diesem Samstag tatsächlich zu einem Ort des Gebets, der Begegnung, des Austauschs und der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. Dafür müssen wir dem Vorsitzenden des Vereins Werkstattfilm e. V., Farschid Ali Zahedi, von ganzem Herzen danken.“

Ein freundschaftliches Gespräch ©Michail Bejlis

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Autor: Yakub Zair-Bek
Fotos von Michail Beilis, aus dem Archiv des Autors und aus öffentlich zugänglichen Quellen